Stand: 21.03.2020 20:10 Uhr  - NDR 90,3

Coronavirus: Hamburger Tafel am Limit

von Lisa Hentschel
Mitarbeitende der Hamburger Tafel arbeiten mit deutlich weniger Unterstützung: Die meisten Ausgabestellen haben geschlossen.

Wie gelangen Lebensmittelspenden in Zeiten von Corona an die rund 30.000 Hilfebedürftigen innerhalb Hamburgs? Eine Frage, die Helfende bei der Hamburger Tafel verzweifeln lässt. Die meisten Ausgabestellen, die sie normalerweise beliefern, haben geschlossen, um Ehrenamtliche aus der Risikogruppe vor dem Virus zu schützen. Die Sozialbehörde sucht nach Lösungen.

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Julia Bauer von der Hamburger Tafel appelliert an noch geöffnete Ausgabestellen: "Haltet durch! Solange ihr weitermacht, machen wir es auch!"

Klare Stimme, klare Anweisungen. Und das, obwohl alles anders, alles belastend ist. Aber wem nützt das schon. Deshalb hat der Tag um acht Uhr morgens für Julia Bauer von der Hamburger Tafel längst begonnen. Das Lager ist voll, die Vorarbeit muss schnell gehen. Denn die Ausgabestellen, die noch geöffnet haben, haben beim Verteilen der Lebensmittelspenden nicht viel Zeit: "Dort kommen natürlich wesentlich mehr Bedürftige hin, weshalb wir dorthin auch das Drei- bis Vierfache liefern. Mein Appell an alle, die noch dabei sind: Haltet durch, solange ihr das tut, tun wir das auch."

Schutz vor dem Coronavirus: Viele Ausgabestellen geschlossen

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Auch Kirchengemeinden, die sonst Lebensmittel an Bedürftige verteilen, haben ihre Ausgabe eingestellt; zum Schutz für Helfende.

Zwei Drittel der etwa 150 Hamburger Ausgabestellen hätten mittlerweile geschlossen, sagt Julia Bauer. Wie viele genau? Das ändere sich stündlich, sagt sie und winkt sie ab. Unter den geschlossenen Ausgabestellen sind auch solche von Gemeinden. Von der Diakonie Hamburg heißt es dazu auf Nachfrage des Hamburg Journals, im Zweifelsfall habe der Schutz der Ehrenamtlichen Priorität. Auch hier habe man das Problem, dass viele Helfende der Risikogruppe angehören. Dass Ausgabestellen aus Schutz vor dem Coronavirus schließen mussten, kreidet Julia Bauer niemandem an. Im Gegenteil: "Auch ich musste deshalb rund 90 Prozent der Ehrenamtlichen bitten, zu Hause zu bleiben." Sich über die Schutzmaßnahmen hinwegzusetzen und weiterhin zu helfen, sei keine Option. Aber: Es gebe so viele jüngere Freiwillige, die sich in Zeiten von Corona melden. Mit denen könne das System aufrechterhalten bleiben. Und: "Dadurch, dass wir hier vorab alles in einzelne Tüten verpacken, sorgen wir nicht nur dafür, Zeit zu sparen, sondern reduzieren auch den Kontakt auf ein Minimum. So funktioniert es in Supermärkten doch auch!"

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Auch der Arbeitersamariterbund (ASB) unterstützt die Hamburger Tafel beim Verpacken der Lebensmittel.
Hamburger Tafel: "Schutzmaßnahmen müssen eingehalten werden"

Rund 30 Helferinnen und Helfer sind heute zur Hamburger Tafel gekommen. Wer hilft, muss sich auch hier an Sicherheitsstandards halten, um die Ausbreitung des Coronavirus so gut es eben geht einzuschränken. Verpackt wird deshalb an der frischen Luft, mit Mindestabstand zum nächsten und Einweghandschuhen. Die gefüllten Tüten sind schwer, ideal wären Jutebeutel, aber die sind bereits rar. "Eine weitere Aufstockung wäre hilfreich", sagt Julia Bauer.

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Lebensmittel für Bedürftige sind nach wie vor ausreichend da. Nur wie kommen diese an Bedürftige?
Schnelle Hilfen notwendig: "Bedürftige sind verzweifelt"

Psychisch belastend seien insbesondere die Anrufe, die seit Anfang der Woche eingingen, 40, 50 Stück im Schnitt. Dahinter steckten Hamburgerinnen und Hamburger, die mit ihrem Minijob und der Aufstockung durch die Tafel bisher einigermaßen über die Runden gekommen seien. Jetzt, in Zeiten von Corona, ist eben auch hier alles anders: "Jetzt fällt der Minijob weg, jetzt fällt die Tafelausgabe weg, die Menschen weinen und sind verzweifelt". Eine psychische Belastung für die Mitarbeitenden der Tafel, die sich deshalb am Telefon abwechseln. Julia Bauers Blick wird wieder klar: "Wir haben eine Ausnahmesituation und müssen schnellstmöglichst eine Lösung finden." Sich darum flächendeckend zu kümmern, dafür reiche die Kapazität der überlasteten Mitarbeitenden nicht aus.

Grundversorung trotz Corona: Sozialbehörde sucht nach Lösungen

Bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) suche man bereits händeringend nach Lösungen, versichert Sprecher Martin Helfrich. Dazu sei man mit allen Beteiligten im Gespräch. Eine Lösung könnten mobile Ausgabestellen sein, die als Busse Lebensmittel innerhalb Hamburgs verteilen. Auch sei es möglich, zusätzliche Ausgabestellen zu schaffen, deren Verteilung die Behörde organisiert. Helfrich betont: "Wir arbeiten hart daran, die Grundversorgung durch staatlich finanzierte Hilfen gewährleisten zu können." Man sei optimistisch, dass das funktioniert. Bis dahin arbeiten die Helferinnen und Helfer der Hamburger Tafel am Limit.

Weitere Informationen
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Coronavirus: Infos für Freiwillige

Für Freiwillige, die sich in Zeiten von Corona ehrenamtlich engagieren möchten, hat die BASFI Fragen und Antworten gebündelt. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Sozialbehörde. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 19.03.2020 | 19:30 Uhr

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