Stand: 09.09.2020 21:15 Uhr  - NDR 90,3

Brand in Moria: Hamburg will Flüchtlinge aufnehmen

Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos will Hamburgs rot-grüner Senat Flüchtlinge in der Hansestadt aufnehmen. Grüne und SPD sprachen von einer "unerträglichen Lage" für die Flüchtlinge im Mittelmeerraum und einer "Schande für die Europäische Union". "Wir in Hamburg sind bereit, Geflüchtete aus den Lagern auf den griechischen Inseln aufzunehmen", sagte Senatssprecher Marcel Schweitzer. Eine Zahl nannte er nicht.

VIDEO: Hamburg will Flüchtlinge aus Moria aufnehmen (2 Min)

Hunderte demonstrieren auf St. Pauli

Menschen demonstrieren in Hamburg nach dem Brand in Moria
Rund 2.000 Menschen demonstrierten am Abend in St. Pauli für die Aufnahme von Flüchtlingen.

Am Mittwochabend nahmen laut Polizei rund 2.000 Menschen an einer friedlichen Demonstration im Stadtteil St. Pauli teil, zu der das Bündnis Seebrücke aufgerufen hatte. Auch sie forderten eine Aufnahme der Flüchtlinge. Die Teilnehmenden trugen bei strömendem Regen Plakate mit Aufschriften wie "Refugees are welcome" und "Hamburg hat Platz". "Wir fordern ein Landesaufnahmeprogramm für mindestens 1.000 Menschen aus den griechischen Lagern", sagte Christoph Kleine vom Bündnis Seebrücke.

150 sollen kommen

Nach bisherigen Vereinbarungen mit der Bundesregierung nimmt Hamburg bis zu 150 Flüchtlinge auf - nämlich bis zu 50 unbegleitete minderjährige Kinder und Jugendliche sowie begleitete minderjährige Geflüchtete, die besonders krank und behandlungsbedürftig sind, mit ihren Kernfamilien von bis zu 100 Personen. 24 Menschen seien bereits in Hamburg angekommen, sagte ein Sprecher der Innenbehörde.

"Was soll denn noch alles passieren?"

Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) twitterte: "Was soll denn noch alles passieren in Moria, damit Geflüchtete endlich in Sicherheit gebracht werden? Hamburg ist bereit, Menschen aufzunehmen! Der Bundesinnenminister muss sich jetzt bewegen." Zu den Forderungen, 1.000 Menschen aufzunehmen, sagte Fegebank dem Hamburg Journal im NDR Fernsehen: "Ich denke es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, über Zahlen zu sprechen. Wir haben einen Mechanismus, der vorsieht, dass das Bundesinnemnisterium entscheidet, ob und dann auch welche Anzahl an Geflüchteten in die jeweiligen Länder kommt."

Linke will 1.000 Menschen aufnehmen

Die Hamburger Linke forderte, dass mindestens 1.000 Menschen nach Hamburg kommen dürfen. Für die AfD ist jeder zusätzliche Flüchtling einer zu viel. Sie sprach angesichts des Hamburger Aufnahme-Angebots von einer "gefährlichen Politik gegen die eigenen Bürger".

Die Entscheidung, ob und wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnimmt, liege allerdings beim Bund, heißt es von SPD und Grünen. Der müsse dann auch über die Verteilung der Menschen entscheiden. Selbst wenn die Bundesregierung alle rund 13.000 Flüchtlinge aus Moria aufnähme, würden nach dem aktuellen Verteilungssystem nur etwa 330 Menschen nach Hamburg kommen.

Erzbischof: "Katastrophe mit Ansage"

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße warf der Politik Versagen vor. "Man muss es wohl so offen sagen: Es handelt sich um eine Katastrophe mit Ansage", erklärte Heße, der auch Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzender der Migrationskommission ist. Aus der Kirche und der Zivilgesellschaft habe es immer wieder deutliche Appelle gegeben, die unerträglichen Zustände vor allem im überfüllten Lager Moria zu beenden. Deutschland und Europa stünden jetzt in der Pflicht, die desaströsen Verhältnisse auf Lesbos zu beenden und Schutzsuchenden eine menschenwürdige Aufnahme zu ermöglichen. "Wenn nicht alle Mitgliedstaaten dazu bereit sind, muss eine humanitäre Koalition der Willigen vorangehen", sagte der Erzbischof.

Brände inzwischen unter Kontrolle

Das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos ist bei dem Feuer in der Nacht zum Mittwoch fast vollständig zerstört worden. Verletzt wurde nach vorläufigen Angaben niemand. Die griechische Regierung geht von Brandstiftung aus. Moria gilt mit derzeit etwa 12.600 Bewohnern als das größte Flüchtlingslager Europas - diese Menschen sind nun obdachlos. Dem Großbrand vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 09.09.2020 | 14:00 Uhr

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