Stand: 24.08.2018 17:52 Uhr

Laut schreien, viel kriegen? So wird das nichts!

340 Millionen Euro sind den deutschen Bauern als Dürre-Hilfe zugesagt worden- unter anderem, um Ernte-Ausfälle auszugleichen. Etwa die Hälfte dieser Summe wird der Bund übernehmen. Es handelt sich um eine durchaus umstrittene Hilfszahlung, auf die andere Branchen nicht hoffen dürfen.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Christoph Schwennicke, Chefredakteur "Cicero"

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Die Subventionsmentalität der deutschen Landwirte muss sich ändern, meint Christoph Schwennicke.

Laut klagen, um viel zu kriegen - das ist seit jeher das erprobte und erfolgreiche Vorgehen der Landwirte, denen der Volksmund eine bodenständige Klugheit nachsagt. Das Wörtchen "bauernschlau" leitet sich so her.

Auch nach diesem für Flora und Fauna erbarmungslosen Hitzesommer hat die Lobby der Landwirte wieder gute Arbeit geleistet. Eine Milliarde Euro Entschädigung für die Ernte-Ausfälle durch die Trockenheit hatten ihre Lobbyisten gefordert. 340 Millionen Euro hat ihnen die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Ende bewilligt, jeweils zur Hälfte aufgebracht von Bund und Ländern.

Landwirte gelten als systemrelevant

Es hat eine lange Tradition in Europa, dass die Landwirtschaft den normalen Kräften des Marktes nicht ausgesetzt ist und bei höherer Gewalt mehr als jede andere Branche auf die Unterstützung der Allgemeinheit setzen kann. Als Nahrungsmittelhersteller gelten die Landwirte sie als systemrelevant und nutzen diese Systemrelevanz aus wie sonst nur noch Piloten. Bäcker und Busfahrer beispielsweise haben einen solchen Hebel nicht in der Hand. Und für die Reeder, die ihre Schiffe auf einem ausgetrockneten Rhein nur noch halbvoll beladen können dieser Tage, hat auch keiner Steuergelder als Entschädigung parat.

Archaische Angst vor fehlender Nahrung

Es ist eine archaische Angst vor fehlender Nahrung, die Bauern in diese Ausnahmeposition bringt. Sie sind in der Wahrnehmung immer noch der Nährstand der agrarisch-vorindustriellen Gesellschaft, obwohl sie längst industriell arbeiten. Der Großteil der Mittel der EU-Geldumwälzpumpe fließt daher auf ihre Felder und geht in ihre Ställe. Man muss einmal Oskar Lafontaine aus seiner Zeit als Bundesfinanzminister erzählen lassen, wie in den Verhandlungen zum Agrarfonds der damalige französische Präsident Jacques Chirac von der Bedeutung der französischen Mutterkuh gesprochen hat - als sei die so heilig wie in Indien oder die Muttergottes in Tiergestalt. Urkomisch ist diese Erzählung - und ebenso grotesk und absurd.

Wo bleibt die Bereitschaft zum Wandel?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Ernte-Ausfälle der Bauern sind dieses Jahr massiv und in vielen Fällen bestimmt existenzbedrohend. Aber dass exogene Schocks, in diesem Fall das Wetter, eine Branche oder ein Unternehmen an den Rand des Ruins oder sogar in denselben führen kann, das gibt es allerorten. Dagegen helfen genau zwei Dinge: eine hinreichende Versicherung und die Bereitschaft zum Wandel.

Beides ist in der Bauernschaft entwicklungsfähig. Wer aber selbst den Diesel noch billiger bekommt, den er in seinen Traktor füllt, der ist möglicherweise von einer Subventionsmentalität so durchdrungen, dass die Bereitschaft zur persönlichen Risikoabsicherung unterentwickelt ist - und die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem auch.

"Was er nicht kennt, das baut er nicht an"

Der Volksmund hat neben dem Wörtchen bauernschlau auch noch den Sinnspruch: "Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht", hervorgebracht. "Und was er nicht kennt, das baut er nicht an", könnte man ergänzen. Denn natürlich ist der Mais, um ein Beispiel zu nennen, eine tolle Nutzpflanze, die viel Biomasse in kurzer Zeit und gehaltvolles Kraftfutter obendrein produziert, sich also richtig lohnt im Anbau - aber nur, wenn es regnet.

Und vielleicht verhält es sich mit Mais in Mecklenburg-Vorpommern, wie mit der Ananas in Alaska: nicht die richtige Frucht für diese Gegend. Jedenfalls dann, wenn es in Mecklenburg-Vorpommern immer trockener und heißer wird. Wenn es so weiter geht, wird es eher die Ananas nach Alaska schaffen, als dass der Mais in Mecklenburg bleibt.

Nicht nur das Wetter ändert sich ...

Mehr Aufgeschlossenheit für Neues, weniger Vollkasko-Mentalität, mehr eigene Risikovorsorge, das darf man von den Landwirten verlangen. Die amtierende Fachministerin Klöckner hat mit einem Drittel der geforderten Milliarde gezeigt, dass das bisherige Prinzip "Laut schreien, viel kriegen" nicht mehr so automatisch funktioniert wie früher. Die Branche sollte das als wichtigen Hinweis nehmen, dass sich nicht nur das meteorologische Klima ändern könnte, sondern auch das politische.

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NDR Info | Kommentar | 26.08.2018 | 09:25 Uhr

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