Stand: 08.04.2019 14:00 Uhr

Immobilien als Spekulationsobjekte?

von Lena Gürtler, Susanne Tappe und Nils Naber

Schimmel nach der Sanierung in Schwerin, ein Betonkoloss mit verlassenen Geschäften in Hannover und ein Hochhaus in Dortmund, das seit einem Jahr leer steht, ohne dass etwas passiert. Die Mieter sind wütend. Wer ist verantwortlich? Wem gehören eigentlich diese Immobilien? Recherchen von Panorama 3 und NDR Info zeigen ein komplexes Firmengeflecht, das bis nach Zypern und Israel reicht. Wer steckt hinter diesen Firmen?

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Dem Mieter Michael Boblenz wurde bei Minusgraden die Heizung abgestellt.

Irgendwie hatte sich Michael Boblenz das anders vorgestellt, als es endlich mit der Sanierung seines Wohnhauses in Schwerin losging: "Im Frühjahr haben sie einfach die Heizung abgestellt. Da waren noch Minusgrade", erzählt er. Auch andere Mieter beschweren sich über chaotische Baumaßnahmen und Schimmel. In der Wohnung von Mohammad Aljabri und seiner Familie ist nur noch eins von vier Zimmern schimmelfrei: "Es wird immer schlimmer und schlimmer, die unternehmen einfach nichts", klagt er.

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Wer steckt dahinter?

Wer Eigentümer der Häuser ist und damit auch verantwortlich für die Probleme der Mieter, ist nicht einfach herauszufinden: Auf dem Papier gehören die Immobilien einer GmbH namens Projekt Wohnen Schwerin. Eigentümer sind aber keine Menschen, sondern zwei Firmen auf Zypern. Es sind Briefkastenfirmen, verwaltet von einer Anwaltskanzlei.

Auch im sogenannten Transparenzregister, das die Bundesregierung 2017 eingeführt hat, finden sich keine Antworten, wer hinter den Firmen steckt. Das Register soll vor allem Strafverfolgungsbehörden zum Beispiel den Kampf gegen Steuerhinterziehung erleichtern und die wahren Strippenzieher hinter verschachtelten Firmenkonstrukten benennen.

Ein Thema, mit dem sich Rüdiger Quedenfeld jahrelang für verschiedene Banken als Beauftragter für Wirtschaftskriminalität beschäftigt hat. Mit Blick auf die genannten Firmenstrukturen sagt er: "Der Eindruck ist klar: Da geht es nicht um klare Unternehmensstrukturen, sondern um das offensichtliche Verschleiern von irgendwelchen wesentlichen Tatsachen."

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Eigentümer in Israel ausgemacht

Die Recherche führt die Reporterinnen und Reporter von NDR Info und Panorama 3 schließlich nach Israel. Der Mann hinter den Schweriner Immobilien heißt Amir Dayan. Auch in Israel wirkt er wie ein Phantom. Klar ist nur: Dayan tritt in Deutschland für viele Immobilien als Investor auf. In Hannover etwa für das Ihme-Zentrum, einen maroden Wohn- und Geschäftskomplex. Auch dort beklagen Bewohner den Verfall. Genauso in Dortmund: Das Hochhaus Hannibal 2 ist dort mittlerweile berüchtigt. Es wurde 2017 wegen Brandschutzmängeln evakuiert, steht seitdem leer.

Alles legal und transparent?

Dayan will sich zu seinen Geschäften nicht vor der Kamera und dem Mikrofon äußern. Schriftlich antwortet seine Berliner Verwaltungsfirma: Die Geschäfte seien legal, heißt es unter anderem, und die Eigentümerstruktur der Immobilien für alle relevanten Institutionen und Beteiligten sei vollständig transparent.

Zu den "relevanten Beteiligten" gehören die Öffentlichkeit und die Kommunen offensichtlich nicht, wie das Beispiel Schwerin zeigt: Dort hat die Mehrheit der Anteile an den Plattenbauten eine Aktiengesellschaft namens Grand City Properties übernommen, ohne dass Behörden und Mieter etwas mitbekommen haben.

Mieter erfahren vom Weiterverkauf nichts

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Für Mieter bringt das Verschieben der Immobilien im Hintergrund hohe Unsicherheit, sagt Jürgen Fischer vom Deutschen Mieterbund.

Besonders Pikant: Eigentlich hatte sich Dayan verpflichtet, die Immobilien mindestens zehn Jahre lang zu halten. Jetzt gehören sie mehrheitlich der Aktiengesellschaft, an die die städtische Wohnungsgesellschaft eigentlich nicht verkaufen wollte. Dass sie nun doch die Kontrolle über die Gebäude übernommen hat, lief über die Firmen in Zypern. Dieses Verschieben im Hintergrund bringt Unsicherheit für die Mieter, betont Jürgen Fischer vom Deutschen Mieterbund: "Weil man ja nicht weiß, welche Person oder Gruppierung dahintersteckt. Es ist also gar nicht klar, wer agiert, wer eigentlich das Sagen hat und wer welche Absichten verfolgt."

Anders als in Schwerin hat Dayan in Hannover inzwischen ganz offiziell das Ihme-Zentrum verkauft, obwohl seine Verwaltungsfirma im Januar noch große Versprechungen gemacht hatte, den Gebäude-Komplex zu sanieren. Der neue Eigentümer ist ein Altbekannter: Lars Windhorst, Helmut Kohls früheres Wirtschaftswunderkind. Windhorst verspricht dem Stadtrat, dem Ihme-Zentrum wieder Leben einzuhauchen. Hinter ihm stünden finanzstarke Investoren. Wer, das ist nicht bekannt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 09.04.2019 | 06:41 Uhr

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