Stand: 30.08.2016 15:36 Uhr

Flüchtlinge arbeiten schwarz für Dumpinglöhne

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Die Schwarzarbeit-Jobs werden nach NDR Info Informationen oft in Flüchtlingsunterkünften vermittelt.

Viele Flüchtlinge in Deutschland arbeiten nach Recherchen von NDR Info schwarz zu Dumpinglöhnen und unter schlechten Arbeitsbedingungen. Immer wieder vermitteln dabei Mitarbeiter oder Besucher von Flüchtlingsunterkünften Schwarzarbeiterjobs gegen Provision. Das ergaben Recherchen von NDR Info in Hamburg, Niedersachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt bei Sozialarbeitern, Flüchtlingshelfern, Wissenschaftlern und schwarz arbeitenden Flüchtlingen.

Verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht: Während laut Zoll bundesweit rund zehn Fälle pro Monat aufgedeckt werden, gehen andere von weit größeren Dimensionen des Problems aus. So schreiben Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Linz in einer Studie, der Anteil der Schwarzarbeiter liege bei bis zu 30 Prozent der 1,1 Millionen Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr in Deutschland angekommenen sind. Schätzungen von Flüchtlingshelfern und Sozialarbeitern in Niedersachsen und Berlin lagen zwischen zehn und sogar 50 Prozent. In jedem Fall würde dies bedeuten, dass mindestens 100.000 Flüchtlinge in Deutschland schwarz arbeiten.

Situation der Flüchtlinge wird ausgenutzt

Nach Erkenntnissen von NDR Info werden Flüchtlinge oftmals von Besuchern oder sogar von Mitarbeitern der Unterkünfte in Schwarzarbeit vermittelt. Die Polizei im Landkreis Harburg etwa ermittelt gegen den ehemaligen Mitarbeiter einer Gemeinschaftsunterkunft in Neu Wulmstorf, der laut einem Polizeisprecher im Verdacht steht, "die Situation von Flüchtlingen ausgenutzt zu haben, um sich an ihnen finanziell zu bereichern".

Nach Angaben des Betreibers Human-Care und nach internen Unterlagen, die NDR Info vorliegen, soll der arabischsprachige A. versucht haben, Flüchtlingen gegen Provision nicht nur Wohnungen und Privilegien in der Unterkunft, sondern auch unangemeldete Jobs zu vermitteln. "Herr A. bot mir an, eine unangemeldete Stelle in einer Diskothek auf der Reeperbahn anzunehmen, das heißt also Schwarzarbeit", sagte ein Flüchtling aus. "Als Gegenleistung sollte ich jedoch die Hälfte des Gehalts an ihn abgeben. Dazu war ich nicht bereit." A. wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe gegenüber NDR Info zurück.

Ähnliche Strukturen in Berlin und Hamburg

Der Landkreis Harburg und Human-Care, das 39 Unterkünfte für den Kreis betreibt, erklärten auf Anfrage von NDR Info, dem Mitarbeiter sei Mitte Juli sofort gekündigt worden, als die Vorwürfe bekannt wurden. Zudem habe das Unternehmen Strafantrag gestellt. Ähnliche Vorfälle seien im Landkreis Harburg nicht bekannt.

Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer berichten von ähnlichen Strukturen in Berlin und Hamburg. Auch dort seien in Unterkünften Vermittler unterwegs, die Bewohnern gegen Geld Jobs, Wohnungen oder andere Dienste anböten. Das städtische Unternehmen Fördern und Wohnen, das in Hamburg den Großteil der Flüchtlingsunterkünfte betreibt, schreibt auf Anfrage, ihm sei zwar kein Fall bekannt, in dem Schwarzarbeit tatsächlich vermittelt wurde, es habe aber Versuche gegeben. Man kläre deshalb vorab auf und schreite ein, wenn man von unlauteren Praktiken erfahre.

Jobs als Tellerwäscher, Putzkraft oder Tapezierer

Julia Schmidt, die ihren richtigen Namen aus Angst um ihren Job nicht veröffentlicht sehen will, ist seit zehn Jahren Sozialarbeiterin unter anderem in Niedersachsen und Hamburg. Sie geht davon aus, dass bis zu 50 Prozent der Asylbewerber irgendwann einmal schwarz arbeiten. "Die müssen ihre Familien zu Hause versorgen. Mütter, Väter. Schlepperkosten", erzählt Schmidt. "Manche sind richtig verzweifelt. Dann verlassen sie die Unterkünfte und sind zwei, drei Wochen nicht da, oder gehen morgens weg und kommen abends zurück."

Um Schwarzarbeit zu finden, quartieren sich viele Asylbewerber nach Recherchen von NDR Info in größeren Städten wie Hamburg oder Berlin auf Matratzenlagern oder bei Freunden ein. Sie arbeiten dann schwarz als Tellerwäscher, Tapezierer, Putzkräfte oder beladen Container.

"Schlafen, essen, schlafen - da wird man irgendwann verrückt"

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Toni Nikiema (Name geändert) pendelt zwischen Sachsen-Anhalt und Hamburg - wegen eines Schwarzarbeit-Jobs.

Ein Beispiel ist Toni Nikiema (Name geändert), der vor knapp zwei Jahren aus Burkina Faso nach Deutschland geflüchtet ist. Er wartet seitdem auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag. Immer wieder arbeitet er schwarz. "Wir wollen arbeiten", sagt Nikiema, "wir wollen nicht die ganze Zeit im Camp bleiben und schlafen und essen, schlafen und essen. Da wird man irgendwann verrückt."

Der Asylbewerber ist in Sachsen-Anhalt gemeldet und hat dort eigentlich auch einen Platz in einer Unterkunft. Er lebt aber lieber auf eigene Kosten für 150 Euro auf einer Matratze in Hamburg - weil es hier seinen Angaben zufolge mehr Möglichkeiten für Jobs gebe: "Ich will eigentlich nicht schwarz arbeiten. Ich weiß auch, dass das Unrecht ist, was ich mache, kriminell. Aber anders finde ich keinen Job." Jetzt hofft Nikiema, dass die Behörde einen legalen Arbeitsvertrag mit einer Reinigungsfirma anerkennt. Den vorherigen hatte sie abgelehnt, weil die Arbeitsbedingungen nicht den tariflichen, ortsüblichen Bedingungen entsprachen, wie es im Ablehnungsbescheid heißt. Also arbeitet er wieder schwarz - hilft in der Küche oder belädt Container.

Entschärft Integrationsgesetz das Problem?

Zu Emilija Mitrović von der Beratungsstelle Migration und Arbeit des DGB in Hamburg kommen jährlich ungefähr 60 Flüchtlinge, die um ihren Lohn betrogen oder schlecht behandelt wurden. "Es profitieren ziemlich viele Leute davon, dass andere in Not sind", sagt die Gewerkschafterin. Die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsmaßnahmen seien für die meisten Flüchtlinge schlecht. Oft begnügten sich die Schwarzarbeiter mit Dumpinglöhnen.

Das am 6. August in Kraft getretene neue Integrationsgesetz soll es Asylbewerbern nun leichter machen auf legalem Weg Arbeit zu finden. Sozialarbeiter und Flüchtlingshelfer sehen das Gesetz als Schritt in die richtige Richtung, gehen aber nicht davon aus, dass es Schwarzarbeit unter Flüchtlingen stark reduzieren wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 30.08.2016 | 07:08 Uhr

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