Stand: 18.06.2018 16:08 Uhr

Fiktives Nazi-Ufo fürs Kinderzimmer

So sieht der Karton mit dem Modellbausatz der Firma Revell aus - für eine "Fliegende Untertasse" aus dem "Dritten Reich", die es nie gegeben hat.

Die Firma Revell aus Nordrhein-Westfalen gehört in Deutschland zu den großen Herstellern von Modellbausätzen aus Kunststoff: Autos, Schlachtschiffe, Flugzeuge: "Egal, ob Kinder oder Erwachsene, hier kann jeder seiner Leidenschaft nachgehen und sich Träume erfüllen", heißt es in der Selbstdarstellung.

Doch eines dieser Angebote aus dem Hause Revell hat jetzt massive Kritik ausgelöst. Militärhistoriker, Politikwissenschaftler und nicht zuletzt der Deutsche Kinderschutzbund gingen im Gespräch mit NDR Info mit der Firma aus dem nordrhein-westfälischen Bünde scharf ins Gericht. Das Unternehmen verbreite Unwahrheiten über die NS-Vergangenheit und leiste rechtsextremen und esoterischen Verschwörungstheorien im Kinderzimmer Vorschub.

Inzwischen hat das Modellbau-Unternehmen auf die Kritik reagiert: Ein Bausatz, der einem Ufo ähnelt, werde nicht mehr ausgeliefert, teilte eine Sprecherin des Unternehmens aus Bünde in Ostwestfalen am Montag mit.

"Fliegende Untertasse" für 49,99 Euro

Stein des Anstoßes ist eine Art "Fliegende Untertasse", die unter dem Namen "Flying Saucer Haunebu II" für 49,99 Euro im Spielwarenhandel erhältlich ist: ein waffenstarrender Rundkörper, gekennzeichnet mit dem Balkenkreuz der Luftwaffe des "Dritten Reiches", das aus Zwillingsgeschützen auf Fantasie-Flugzeuge feuert. Laut Karton-Aufdruck empfohlen für Kinder ab zwölf Jahren.

Angeblich bis zu 6.000 km/h schnell

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"1934 begannen die Arbeiten an den Rundflugzeugen ..." - so beschreibt Revell auf der Verpackung die angebliche Geschichte der "Fliegenden Untertasse".

Im Text wird der Eindruck erweckt, es handle sich um echtes Kriegsgerät der Nazis mit geradezu übersinnlichen Fähigkeiten: "1934 begannen die Arbeiten an den Rundflugzeugen. Ihr Antrieb und die Neutralisierung der Fliehkräfte im Innenraum erfolgten über Vril-Energiefelder. Flugfähige Exemplare der bis zu 6.000 km/h schnellen Haunebu II starteten Mitte 1943, kamen aber kriegsbedingt nicht über die Erprobungsphase hinaus." Es handele sich um das "erste weltraumfähige Objekt der Welt". Zum Inhalt gehört laut Verpackungstext auch ein "Abziehbild für originalgetreue Dekorationen".

Historiker: Diese "Wunderwaffe" hat es nie gegeben

Doch diese angebliche Wunderwaffe der Nazis hat es nie gegeben, wie der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden NDR Info auf Nachfrage bestätigt: "Das ist objektiv falsch. Soweit in der Wissenschaft bekannt ist, wurde nie an diesem Objekt gearbeitet." Seine Kritik: Die Darstellung auf dem Revell-Karton schreibe dem Nationalsozialismus eine überlegene Technologie zu, die von der etablierten Wissenschaft nicht bestätigt werden könne. Dies könne im Sinne der NS-Ideologie Zweifel säen an der anerkannten Geschichtsschreibung.

Die Stellungnahme von Revell im Wortlaut

"Grundsätzlich geben wir dem Militärhistorischen Museum recht, es handelt sich tatsächlich um ein legendenumwobenes, außergewöhnliches Fluggerät, dessen Existenz und Umsetzbarkeit nicht belegt ist. Unser Verpackungstext bringt dies aber leider nicht adäquat zum Ausdruck. Wir entschuldigen uns hierfür. Wir werden den Text so weit wie möglich korrigieren. Im Übrigen ist die Altersangabe auf der Verpackung auch immer im Zusammenhang mit dem Schwierigkeitsgrad (hier Level 4) zu sehen, d.h. dieses Modell ist nur für erfahrene, erwachsene Modellbauer geeignet und nicht für Kinder gedacht. Darüber hinaus distanziert sich Revell grundsätzlich und ganz ausdrücklich von jeder Art der Verherrlichung von Kriegen und des Nationalsozialismus. Genau so fern liegt uns jegliche Ideologisierung, Förderung von rechtsextremen Legenden, Verschwörungstheorien oder gar einer positiven Umschreibung des Nationalsozialismus."

Revell will Verpackungstext ändern

Von NDR Info mit dieser Kritik konfrontiert, räumt die Firma Revell Fehler ein: "Grundsätzlich geben wir dem Militärhistorischen Museum recht. Es handelt sich tatsächlich um ein legendenumwobenes, außergewöhnliches Fluggerät, dessen Existenz und Umsetzbarkeit nicht belegt ist. Der Verpackungstext bringt dies aber leider nicht adäquat zum Ausdruck. Wir entschuldigen uns dafür."

Man werde den Text so weit wie möglich korrigieren. Zugleich distanziere sich das Unternehmen von jeder Art der Verherrlichung von Kriegen und des Nationalsozialismus und lehne jegliche Förderung von rechtsextremen Legenden oder Verschwörungstheorien ab.

Abstruse Verschwörungstheorien im Netz

Doch damit ist die Kritik nicht vom Tisch. Denn: Wer die  Begriffe "Haunebu" oder "Flugscheibe" in eine Suchmaschine oder die Maske großer Videoportale eingibt, ist nur wenige Klicks entfernt von rechten Esoterikern oder Verschwörungstheorien. Rechte Verschwörungstheorien können nach Auskunft des Hamburger Verfassungsschutzes auch in Kreisen der zum Teil als rechtsextrem geltenden Reichsbürger angetroffen werden. Zu den abstrusesten Theorien gehöre zum Beispiel die Annahme, dass sich Teile der nationalsozialistischen Elite mit Hilfe solcher "Reichsflugscheiben" vor Ende des Zweiten Weltkrieges gerettet hätten. Diese "Reichsflugscheiben" seien dieser Theorie zufolge als eine "Wunderwaffe" entwickelt worden. Eine "Wunderwaffe", wie sie auch auf dem Revell-Karton zu sehen ist.

"Revell sollte das Modell aus der Produktpalette streichen"

Der Dortmunder Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Dierk Borstel fordert, dass Revell den Bausatz ganz aus der Produktpalette streicht - auch nach einer Änderung auf dem Karton. Sein Argument: "Angebote, die rechtsextreme Legenden positiv umschreiben oder indirekt auf einschlägige Verschwörungstheorien hinlenken, sollten mit Sicherheit nicht im Sortiment zu finden sein." Er mahnt: Phantasien über "Reichsflugscheiben" hätten bisher nur in kleinen Zirkeln rechtsextremer Esoterik kursiert. Wenn jetzt eine renommierte Firma solche Objekte anbiete, spreche das für eine Ausweitung dieser Ideen: "Das ist bedenklich und ein Warnsignal für unsere demokratische Kultur", meint Borstel.

Kritik auch vom Kinderschutzbund

Auch der Deutsche Kinderschutzbund bleibt bei seiner Kritik und appelliert an das Verantwortungsbewusstsein des Herstellers: "Als Kinderschutzbund lehnen wir grundsätzlich Spielzeug ab, das zu einer Ideologisierung führen kann. Politik und Weltanschauung haben im Kinderzimmer nichts zu suchen", sagt  Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 18.06.2018 | 07:20 Uhr

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