Stand: 31.10.2017 11:58 Uhr

Einmal Reformation, immer Feiertag?

von Daniel Sprenger, NDR.de
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Martin Luther leitete am 31. Oktober 1517 die Reformation ein. Künftig könnte an diesen Anlass stets ein Feiertag erinnern.

Arbeitnehmer, auch die nicht religiösen, konnten sich am Dienstag über einen freien Tag freuen: In diesem Jahr ist der 31. Oktober, der Reformationstag, wegen des 500. Jahrestags der Veröffentlichung von Martin Luthers Thesen bundesweit frei. Ab 2018 gilt er wieder nur in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen als gesetzlicher Feiertag. Dass das nicht dauerhaft so bleibt, dafür machen sich Parlamentarier und Gewerkschaften auch in den drei anderen Nord-Ländern stark. Sie wollen ihn als weiteren Feiertag gesetzlich verankern.

Die Nordkirche begrüßt das: "Die Reformation hat ja nicht nur die Kirche verändert, sondern prägt unsere Gesellschaft bis heute. Sie bereitete auch den Boden für ein Verhältnis von Staat und Religion, wie es sich später in der Folge der Aufklärung bis heute entwickelt hat", sagt Pressesprecher Stefan Döbler. Der Reformationstag sei also auch Gelegenheit, die im Grundgesetz verankerte Distanz und Kooperation zwischen Staat und Kirchen, Religionen und Weltanschauungen zu würdigen. Während die Gewerkschaften über die Aussicht auf einen zusätzlichen Feiertag jubilieren, wehren sich Arbeitgeber aus Sorge um die Produktivität gegen die Idee.

Niedersachsen: Ministerpräsident will Feiertag zum "Brückenschlag"

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Stephan Weil wünscht sich den zusätzlichen Feiertag als "Tag des Brückenschlags zwischen den Religionen".

Vor der Wahl in Niedersachsen hatte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) es bereits angekündigt. Danach hält er nach Angaben von Regierungssprecherin Anke Pörksen daran fest: Der Reformationstag soll zu einem gesetzlichen Feiertag werden. Er solle als Tag des Brückenschlags zwischen den Religionen und als Tag der interreligiösen Zusammenarbeit gefeiert werden. Zur Begründung heißt es weiter, dass Niedersachsen zu den vier Bundesländern gehöre, die nur neun Feiertage haben, Bayern habe 13. Ein zusätzlicher Feiertag für Niedersachsen erscheine daher gut vertretbar.

Um in dem Bundesland einen zehnten gesetzlichen Feiertag einzuführen, müsste das Feiertagsgesetz geändert werden. Momentan laufen noch die Sondierungsgespräche zwischen der SPD und der CDU. Bei den zu erwartenden anschließenden Koalitionsverhandlungen soll das Thema auf den Tisch kommen. CDU-Chef Bernd Althusmann sagte, er hoffe sehr, dass man mit den Kirchen und der Wirtschaft zu einem Gespräch über die Feiertagssituation kommen könne. Die Christdemokraten ziehen aber nicht nur den Reformationstag in Betracht. Stattdessen könne es auch der Buß- und Bettag werden, der früher bereits Feiertag war, sagte der bisherige Fraktionschef Björn Thümler.

Schleswig-Holstein: Landtag berät bereits über Gesetzesänderung

Etwas weiter ist man bereits in Schleswig-Holstein. Dort berät der Landtag schon seit Juni in seinen zuständigen Ausschüssen, "ob und inwieweit das Gesetz über Sonn- und Feiertage geändert werden kann oder soll", teilte Dörte Mattschull vom Innenministerium mit. "Hierzu liegen verschiedene Vorschläge und nach einer Anhörung durch den Innen- und Rechtsausschuss unterschiedliche Bewertungen vor."

Mit verschiedenen Vorschlägen ist gemeint, dass nicht nur der Reformationstag (für den sich die AfD stark macht) im Rennen ist. So haben die oppositionellen Sozialdemokraten in ihrem Antrag daneben auch den 2. November (Tag des Matrosenaufstands in Kiel 1918) sowie den 13. Juni (an dem 1990 die neue Landesverfassung beschlossen wurde) genannt. Egal welcher Tag es wird, aus Sicht der SPD besteht im Norden Nachholbedarf: "Das Feiertagsgefälle von Süd nach Nord, das die Katholiken in den Genuss von Feiertagen wie Heilige Drei Könige, Fronleichnam, Allerheiligen und meistens noch von ein bis zwei Tagen zum Karneval kommen lässt, hat keine protestantischen Gegenstücke", erklärte Martin Habersaat (SPD).

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Aus Sicht der regierenden Jamaika-Koalition kann sich das Land einen weiteren Feiertag jedoch nicht leisten. Die Produktivität würde dadurch eingeschränkt, meinte etwa Kay Richert von der FDP: "Als eines der finanzschwächsten Länder einerseits etwas von anderen Ländern zu nehmen und andererseits die Produktivität zu verringern, ist absurd." Auch Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) betonte, wichtig sei, den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein nicht zu gefährden.

In Hamburg ist auch der 8. Mai im Gespräch

Die Hamburger CDU sieht in Sachen Wettbewerbsfähigkeit offenbar keine Probleme bei einem weiteren Feiertag. Die Besinnung auf die kulturellen Wurzeln sei wichtig, sagte Dietrich Wersich, kulturpolitischer Sprecher der Christdemokraten in der Bürgerschaft, und forderte Mitte Oktober, den Reformationstag dauerhaft als Feiertag zu etablieren.

Auch die Linke machte sich für einen weiteren freien Tag stark. Allerdings müsse darüber diskutiert werden, welcher Tag besonders sinnstiftend sei. "Und da sagen wir: Es ist der 8. Mai, der Tag der Befreiung unseres Landes", so Norbert Hackbusch. Welcher Tag es nun wird? Darüber will die Bürgerschaft nach einstimmigem Beschluss im Verfassungsausschuss beraten.

DGB: Tag ist egal, Hauptsache schon 2018

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Für DGB Nord-Chef Uwe Polkaehn dient ein weiterer Feiertag zum Durchatmen in der immer stressigeren Arbeitswelt.

Dass überall im Norden über einen zusätzlichen Feiertag debattiert wird, freut Uwe Polkaehn, den Vorsitzenden des DGB Nord: "Familie und Freizeit kommen in der Arbeitswelt 4.0 oft zu kurz. In Bayern und anderswo können wir sehen, dass mehr Feiertage der Produktivität überhaupt nicht schaden." Vielmehr habe es sogar positive Effekte, wenn Arbeitnehmer einen Tag mehr Luft holen können. Polkaehn setzt auf breite parlamentarische Mehrheiten - an welchem Tag es konkret frei geben wird, ist allerdings zweitrangig: "Ob Verfassungstag, Frauentag, Kriegsende und Befreiung oder Reformationstag: Auf jeden Fall sollte es 2018 losgehen."

Unternehmensverband: 190 Millionen Euro Minus

Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein sieht demgegenüber einen weiteren Feiertag sehr kritisch. Das Argument, der immer freie Reformationstag behebe eine Ungerechtigkeit gegenüber den feiertagsverwöhnten Süddeutschen, lässt er nicht gelten - ebensowenig die religiöse Absicht dahinter: "Unabhängig von der Tatsache, dass bislang noch kein Philosoph eine allgemeinverbindliche und anerkannte Definition von Gerechtigkeit abliefern konnte, sind kirchliche, religiöse oder weltanschauliche Motive wohl auszuschließen."

Fröhlich führt stattdessen knallharte Daten an: Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Statistischen Bundesamts gehe an einem arbeitsfreien Tag 0,1 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung verloren, das entspreche bundesweit zehn Mrd. Euro. Bei einem zusätzlichen Feiertag für Hamburg entstehe ein Verlust von rund 200 Millionen Euro und in Schleswig-Holstein von noch einmal rund 90 Millionen Euro.

Das sieht auch Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, so. Ein weiterer Feiertag würde allein die niedersächsische Metall- und Elektroindustrie mehr als 80 Millionen Euro kosten.

Erzbischof: "Spaltung der Christen" nicht feierwürdig

Wenig überraschend ist, dass auch die Katholische Kirche einem Reformationstag als permanentem Feiertag ablehnend gegenübersteht. Auch wenn die Reformation ein historisch bedeutendes Ereignis gewesen sei, so markiere sie doch auch die Spaltung der Christen, sagte Hamburgs Erzbischof Heße der "Evangelischen Zeitung". Wenn es einen zusätzlichen Feiertag geben sollte, dann müsste der in der gesamten Bevölkerung verankert sein.

Der Leiter des katholischen Büros beim Land Niedersachsen, Felix Bernard, stößt ins gleiche Horn: "Wenn man in Niedersachsen einen religiösen Gedenktag als staatlichen Feiertag einführen möchte, dann sollte man einen Tag wählen, der von den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften akzeptiert werden kann." Er brachte stattdessen einen anderen christlichen Tag in die Debatte ein: den Buß- und Bettag.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 31.10.2017 | 06:00 Uhr

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