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Wie bitte? Friesisch? Was ist das denn?

Zweiteilung ins Insel- und Festlandsfriesische

Die drei inselnordfriesischen Hauptdialekte weisen teils erhebliche Unterschiede auf, sind aber bei aller Verschiedenheit untereinander enger verwandt als mit dem Festlandsnordfriesischen. Dieses bildet eher ein Kontinuum, weist also in der Regel nur graduelle Abweichungen auf. Dass für einen Gegenstand in den verschiedenen Dialekten völlig unterschiedliche Wörter benutzt werden, kommt nur selten vor. Eine solche Ausnahme bilden die friesischen Entsprechungen für "Tisch", der in der Bökingharde scheew, auf Föhr und Amrum boosel, auf Sylt staal, auf Helgoland taffel genannt wird.

Welche Ursachen haben die außergewöhnliche nordfriesische Dialektvielfalt herbeigeführt?

"Die Zweiteilung ins Insel- und Festlandsfriesische besteht schon von Anfang an. Die Friesen kamen nämlich in zwei Schüben aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet an der südlichen Nordseeküste hierher. Zunächst wurden ab dem 7. Jahrhundert vor allem die Inseln Sylt, Föhr, Amrum, Helgoland sowie das westliche Eiderstedt besiedelt. Vom 11. Jahrhundert an nahmen die Friesen systematisch auch das Festland in Besitz und machten das sumpfige Land urbar, indem sie die oberste Torfschicht abgruben - zeitweise wurde aus ihr Salz gewonnen - und sodann den Marschboden beackerten. Dass das Friesische der Halligen als Festlandsfriesisch gilt, ist auf die zum Zeitpunkt der Einwanderung ganz anders geartete Küstengestalt zurückzuführen.

Es gab kein nordfriesisches Staatswesen, das vereinheitlichend hätte wirken können. Ebenso fehlte ein auf die ganze Region ausstrahlendes politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum.

Die einzelnen nordfriesischen Harden (Verwaltungsbezirke) waren größtenteils durch Meeresarme, Flüsse oder sumpfige Niederungen voneinander getrennt und hatten verhältnismäßig wenig Verbindung miteinander. Sie entwickelten sich in vieler, vor allem auch in sprachlicher Hinsicht weitgehend unabhängig. Man identifizierte sich stark mit der eigenen Harde, der eigenen Insel und auch mit dem eigenen Dialekt, den man jeweils für 'das eigentliche', 'das reinste' Friesisch hielt."

(Prof. Dr. Thomas Steensen, geb. 1951 in Bredstedt, Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Christina Tadsen, stellvertretende Leiterin des Nordfriisk Instituuut in Bredstedt: Friesisch und die Mehrsprachigkeit im Sprachenland Nordfriesland. In: Das große Nordfriesland-Buch, Ellert & Richter Verlag)

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