Stand: 10.08.2018 14:29 Uhr

Benjamin Appl: "Manchmal fühlt man sich nackt"

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Bariton Benjamin Appl liegt das romantische Lied sehr am Herzen.

Benjamin Appl ist einer der neuen Stars der Klassik-Szene. Der gefeierte Bariton ist beim Schleswig-Holstein Musik Festival mit zwei Liederabenden im kleinen Saal der Elbphilharmonie zu Gast. Das romantische Lied liegt im besonders am Herzen, wie er mit seiner hörenswerten und erfolgreichen CD "Heimat" bewiesen hat und im Interview erläutert.

Was ist das Spannende am Lied?

Benjamin Appl: Das Spannende ist, dass man ganz man selbst sein kann. Es gibt kein Kostüm, man kann sich nicht verstecken, da ist kein Regisseur, der einem sagt, was zu tun ist. Alles muss man selbst entscheiden. Jedes Stück ist ein Mini-Drama, eine Mini-Oper. Man kann seiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Und dann ist da natürlich die wunderbare Poesie, die wunderbaren Gedichte, die man singen kann, verglichen einmal mit manch schwülstigem Opern-Libretto. (lacht)

Lied-Gesang ist ja wirklich ohne Netz und doppelten Boden. Man hört jeden Atmer, jeden Kiekser. Das birgt ja auch ein Risiko.

Appl: Das ist das Gefährliche. Man kann sich nicht verstecken oder wie auf der Opernbühne große Handbewegungen machen, wenn man einen hohen Ton nicht kriegt. Es ist direkt und nackt. Man fühlt sich manchmal wirklich nackt auf der Bühne. Und ausgeliefert. Und das ist auch das Interessante für das Publikum.

Sie sind in Regensburg geboren und aufgewachsen. Und waren natürlich auch bei den Regensburger Domspatzen, dem weltberühmten Knabenchor. Aber Liebe auf den ersten Blick war das nicht - warum?

Appl: Ich habe zwei ältere Brüder, die auch bei den Domspatzen waren. Beim Vorsingen des zweiten Bruders kam Domkapellmeister Ratzinger.

...der Papstbruder ...

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Appl verscherzte es sich als Kind kurzzeitig mit seiner Familie, weil er keine Lust auf die Regensburger Domspatzen hatte.

Appl: ... und beugte sich zu mir herunter. Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt. Und er sagte: "In vier Jahren kommst du auch zu uns!" Und ich sagte ihm direkt ins Gesicht: "Dieses Gekreische der Kinder regt mich total auf. Ich werde sicherlich nicht kommen." Bei der Rückfahrt im Auto war dann Funkstille. Die ganze Familie sprach nicht mehr mit mir, weil sie sich so schämten. Nichtsdestotrotz bin ich vier Jahre später hingegangen und war dafür sehr dankbar.

Sie sind ja dennoch fast ein Spätberufener und haben nach der Schule erst mal eine Banklehre gemacht und Betriebswirtschaft studiert. Warum?

Appl: Etwas Bodenständiges! (lacht) Ich war mir nicht ganz sicher, denn das Leben eines Sängers ist etwas ganz Spezielles, gerade wenn man wie ich freischaffend ist. Man packt jeden zweiten, dritten Tag den Koffer, man lebt im Hotel, und das ist ein Nomadenleben, das ich mir damals noch nicht so recht vorstellen konnte.

Ist es denn jetzt so als Sänger, wie sie dachten - mit Musik, mit Applaus, man lächelt von Plakaten und vom CD-Cover? Ist das ein schönes Leben?

Appl: Es ist der wunderbarste Beruf, den man sich vorstellen kann, weil er wirklich erfüllt - gerade diese musikalischen Momente. Es werden viele Emotionen freigesetzt, sodass man sich selbst besser kennenlernt, weil man viel reflektiert. Aber es hat einen hohen Preis: Ich kann sicher nicht wie andere abends weggehen oder das Leben genießen, ich muss meine Freundschaften sehr pflegen, weil ich nicht viel in der Stadt bin. Die große Schizophrenie ist, dass man eben noch im Konzertsaal im Mittelpunkt steht, und eine halbe Stunde später sitzt man im Hotelzimmer - 18 Quadratmeter oder kleiner - und es ist totenstill und man ist ganz allein. Das ist ein Leben, mit dem man sich anfreunden muss. Da bedarf es einer mentalen Stärke.

Sind Sie denn einsam?

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Appl kann einer musikbedingten Einsamkeit durchaus etwas abgewinnen.

Appl: Manchmal bin ich natürlich einsam. Aber ich sehe das nicht immer negativ, es ist auch einfach mal schön, für sich zu sein, Abstand zu haben und zu reflektieren. Das Wichtige ist dann, nicht zu viel zu reflektieren, sondern den Beruf zu normalisieren. Einsamkeit - ja! Aber manchmal auch als etwas Positives.

Vor den Konzerten ist ja viel Zeit - was machen sie in der letzten Stunde vorher?

Appl: Sicherlich nichts Großes essen, denn das würde das Konzert sehr beeinflussen. Eigentlich werde ich sehr still vor dem Konzert: Fokussieren, ein paar Körperübungen machen, Texte noch einmal durchgehen - aber nicht so viel, denn man verzettelt sich dann schnell und wird unsicher. Ich ziehe mich um, richte meine Krawatte noch einmal, checke mein Einstecktuch. Also ganz banale Sachen, um die Stunde herumzubringen und sich zu fokussieren.

Das Interview führte Daniel Kaiser

Benjamin Appl als Sänger mit Klavier.

Bariton Benjamin Appl im Interview

NDR 90,3 -

Das Interview zum Hören.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.08.2018 | 19:00 Uhr

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