Stand: 21.07.2016 13:32 Uhr  | Archiv

Schostakowitschs 10. macht "völlig platt"

von Marcus Stäbler

Der Komponist Dmitri Schostakowitsch hat unter der Herrschaft des Stalin-Regimes gelitten - in seiner 10. Sinfonie aus dem Jahr 1953 hat er die Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet. Der Kontrabassist Benedikt Kany vom NDR Elbphilharmonie Orchester stellt die Sinfonie vor.

Ein ungewöhnlicher Einstieg

Dmitri Schostakowitsch beginnt seine 10. Sinfonie ganz langsam, mit den schwarzen Farben der tiefen Streicher. Der Kontrabassist Benedikt Kany erlebt die Stimmung so: "Es ist bitter, es ist sehr düster, aber irgendwie brennt das auch. Es wartet darauf, auszubrechen, was es in vielen Stellen in der Sinfonie auch tut. Da tropft das Gift und so langsam merkt man: Irgendwas ist da, was überhaupt nicht gesund ist."

Dmitrij Schostakowitsch bei der Arbeit an einer Partitur, 1958 © picture alliance
15 Sinfonien hat der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch (1906 bis 1975) geschrieben. Die bekanntest davon ist seine 7., auch Leningrader Sinfonie genannt. Sie entstand während der Belagerung der Stadt im 2. Weltkrieg.

Dieses Gift, was Schostakowitsch da dickflüssig in die 10. Sinfonie hineinkomponiert, ist die in Töne gefasste Angst des Komponisten. Unter der Überschrift "Chaos statt Musik" hatte das Sowjetregime 1936 den Daumen über Schostakowitsch gesenkt. Der Verriss in der Zeitung Prawda, wahrscheinlich von Stalin selbst verfasst, war der Beginn einer Reihe von Demütigungen für den damals 30-jährigen Komponisten.

Lange Zeit schrieb er seine wichtigsten Orchesterwerke nur für die Schublade. Mit der 10. Sinfonie aus dem Jahr 1953 brach er sein sinfonisches Schweigen.  Die Atmosphäre der Beklemmung und der Bedrohung frisst sich von Anfang an in die Musik hinein, die dunklen Kräfte des Orchesters haben die Oberhand.

"Das steigt wie aus einer Gruft empor"

Benedikt Kany nimmt seinen großen Kontrabass und den Bogen in die Hand und streicht den Anfang der Sinfonie mit: "Das steigt wie aus einer Gruft empor", sagt der Kontrabassist. "Es ist jetzt sehr bildhaft gesprochen, aber das ist das, was mich daran so fesselt. Dann macht er plötzlich auf und es öffnen sich neue Räume. Er zieht das Tempo an. Im zweiten Satz ist es zum Beispiel so, dass man links und rechts eine mitbekommt, und dann geht es los. Das finde ich so toll bei Schostakowitsch, dass er es schafft eine extreme Tonsprache zu finden und aus den tiefsten Tiefen in die höchsten Höhen zu steigen und dabei auch in den Tempi an die Grenzen zu gehen. Das finde ich gerade in seiner 10. Sinfonie ganz toll."

"Da steckt ein großer Zynismus drin"

Mit Marschrhythmen, Trommelschlägen und dissonanten Blechbläserakkorden schafft der Komponist im zweiten Satz eine Klangsprache der Brutalität - nach Ansicht vieler Schostakowitsch-Kenner ein musikalisches Porträt des Diktators Josef Stalin.

Ganz am Ende der 10. Sinfonie, nach vielen aggressiven, sarkastischen und trostlosen Momenten, überrascht Schostakowitsch seine Hörer mit einem sehr plötzlichen Happy End in strahlendem E-Dur - das wirkt wie aufgestülpt, wie eine Karikatur der positiven Botschaft, die das Sowjetregime von seinen Künstlern erwartete. Benedikt Kany kann sich jedenfalls kaum vorstellen, dass der Komponist seine Jubelpose ernst gemeint hat: "Auch da steckt ein großer Zynismus drin. Wenn er das Ganze so aufbaut und so viel Schwere  und Trauer und Dramatik verwendet, und den Zuhörer dann am Schluss so rausschmeißt, in dieses E-Dur - dann ist das ein sehr krasser Kontrast dazu, wie er es aufbaut. Ich gehe aus dieser Sinfonie immer raus und bin dann auch völlig platt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wissen+ | 21.06.2016 | 15:55 Uhr

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