Stand: 15.08.2019 13:54 Uhr

Mythos Woodstock: Überschätztes Festival

von Alan Posener

"Woodstock" ist wahrscheinlich das berühmteste Rock-Festival der Geschichte. Damals auf der Bühne: Künstler wie Santana, The Who, Joe Cocker und Jimi Hendrix. Zur weltweiten Verbreitung des Mythos trugen sowohl der Festival-Film als auch der Soundtrack bei. Aber wird dieser Mythos nicht überschätzt? Ein Kommentar von Alan Posener.

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Alan Posener ist Journalist und Publizist.

Ich bin 20 Jahre älter als Woodstock. Was ja bedeutet, dass ich zur Woodstock-Generation gehöre. Nur, dass ich erst etwa zehn Jahre nach dem Schlammfest davon hörte, dass es so etwas gebe wie eine Woodstock-Generation. Um es deutlich zu sagen: Woodstock war damals völlig bedeutungslos. Die wichtigsten Acts des Jahrzehnts - die Beatles und die Rolling Stones, Elvis Presley und Aretha Franklin - nahmen nicht teil. Bob Dylan, der ein Haus in der Nähe besaß, kaufte sich ein Gewehr und verbarrikadierte sich gegen den erwarteten Ansturm der Drogendealer und Drogenuser, der Groupies und Möchtegerngroupies.

Der Summer of Love 1967 mit seinen Hippie-Illusionen war zwei Jahre her. Dazwischen lag das schreckliche Jahr 1968 mit den Morden an Robert Kennedy und Martin Luther King, dem Attentat auf Rudi Dutschke, der Niederschlagung der Pariser Mai-Revolte, dem Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei, um eine friedliche Revolution für einen menschlichen Sozialismus zu ersticken, der Wahl des paranoiden Richard Nixon zum Präsidenten der USA. Politisch marschierte die Reaktion. Drogen und Radikalisierung hatten der Jugendbewegung von innen den Garaus gemacht. Eine Woche vor dem Woodstock-Festival hatte die Kommune um Charles Manson mit den brutalen Morden an Sharon Tate und ihren Freunden den Traum von freiem Sex, bewusstseinsverändernden Drogen und Revolution als blutigen Albtraum inszeniert.

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Warum konnte ein musikalisch mittelmäßiges, gesellschaftlich längst irrelevantes Open-Air-Konzert, das überdies ein logistisches und ökologisches Desaster war, zum Symbol für eine ganze Generation werden? Zum einen durch geschicktes Marketing der Veranstalter, die den Sommer der Liebe verpasst hatten und nun mit der Behauptung, das Fest habe das Zeitalter des Aquarius versinnbildlicht, gute Geschäfte machten, vor allem bei spießigen Späthippies, die das Feeling der Rebellion gefahrlos aus zweiter Hand erleben wollten - durch ein Kitsch-Musical wie "Hair" oder im Kino beim Woodstock-Film.

Zum anderen dank der herrschenden Elite, die sich im Westen jedenfalls inzwischen von der Kulturrevolution erholt hatte und Berichte über naive Hippies, die ihr Paradies in eine Schlammwüste verwandelt hatten und deshalb von Armee-Hubschraubern und Armee-Notärzten gerettet werden mussten, lieber sahen als Berichte über den Sumpf von Vietnam, in dem der naive Traum des amerikanischen Jahrhunderts rettungslos versank.

Imaginieren in einer epischen Fantasy-Erzählung

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Und zum dritten dank der grenzenlosen Fähigkeit vieler Leute meiner Generation, sich selbst zu täuschen, sich als Helden in einer epischen Fantasy-Erzählung zu imaginieren, in der das Gute über das Böse triumphiert, Woodstock über Vietnam, Peace & Love über Hass und Gewalt. Nichts davon ist wahr. Wie John Lennon ein Jahr nach Woodstock sagte: "Der Traum ist vorbei. Alles ist so wie immer, nur bin ich jetzt 30 und viele Leute haben lange Haare."

Das Jahr 1969 hat aber tatsächlich etwas verändert, nur ahnte das damals selbst ein John Lennon nicht. In diesem Jahr machten amerikanische Astronauten ein Foto, das zeigt, wie die Erde über dem Mondhorizont aufgeht. Eine blaue Kugel, sehr klein, sehr kostbar, sehr fragil. Mit diesem Foto beginnt ein neues Bewusstsein, daraus wird die Umweltbewegung, die wirklich die Welt verändert. Nicht mit dem Schlamm von Woodstock.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.08.2019 | 19:00 Uhr

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