Das Logo des 1. Internationalen Musikfestes Hamburg © dpa

Musikfest Hamburg: Festival von internationalem Gewicht

Stand: 31.12.2021 14:03 Uhr

Es gab viele Anläufe, ein internationales Musikfest für die selbsternannte Musikmetrople Hamburg zu etablieren. Mit der Elbphilharmonie als Heimstätte ist das Vorhaben gelungen.

von Marcus Stäbler

"Ein großes allgemeines Musikfest ist überfällig!" Das hat Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter 2013 betont und damit eine Leerstelle in Hamburg benannt, die endlich dauerhaft gefüllt werden sollte. Dass da eine Lücke klafft, dass da noch viel mehr gehen muss, wenn Hamburg dem Anspruch einer Musikstadt gerecht werden soll, hatte der damalige Senat schon im Januar 2008 erkannt und festgeschrieben.

Im Nutzungskonzept für die im Bau befindliche Elbphilharmonie formulierte er unter anderem das Ziel, die HamburgMusik GmbH werde ab 2011 "das Musikfest im Mai veranstalten und weltberühmte Künstler (zum Teil auch als Residenzen) mit führenden Hamburger Orchestern und Künstlern zusammenführen und herausragende Projekte präsentieren." So weit die Theorie - und die war in Hamburg damals gerade besonders grau.

Musikfest-Start verzögert sich um drei Jahre

Das Logo des 1. Internationalen Musikfestes Hamburg © dpa
Im Mai 2014 fand das erste Internationale Musikfest Hamburg statt.

Der Zeitplan ließ sich nicht halten. Das Internationale Musikfest Hamburg feierte seine Premiere nicht 2011, sondern erst im Mai 2014. Und zwar nicht, wie erhofft, schon in der Elbphilharmonie, sondern zunächst noch in der Laeiszhalle, aber mit einem besonderen musikalischen Highlight: Unter Leitung von Thomas Hengelbrock spielte das NDR Elbphilharmonie Orchester die Hamburger Fassung von Gustav Mahlers Erster Sinfonie.

Die damalige Kultursenatorin Barbara Kisseler kürte den Beginn vom Internationalen Musikfest im Anschluss zu einem "historischen Moment". Tatsächlich markierte das Festival einen Neustart fürs Kulturleben. Weil das mit Weltstars wie der Pianistin Maria Joao Pires, dem Dirigenten Andris Nelsons oder der Sitarvirtuosin Anoushka Shankar gespickte Programm als Gemeinschaftsproduktion der öffentlich geförderten und der privaten Veranstalter in Hamburg entstanden war. Nachdem die privaten Agenturen noch 2011 gegen die Reihe der "Elbphilharmonie Konzerte" vor Gericht geklagt hatten, war dieses Miteinander eine echte Sensation. "Ich halte das sogar für den wesentlichen Aspekt", sagte Christoph Lieben-Seutter damals, "dass hier die Hamburger Musikszene zusammen zeigt, was sie kann. Das ist eine Art Schaufenster auf die Musikszene."

Geballte künstlerische und materielle Power im Rücken

Hintergrund: Musikfeste in Hamburg

Eine Stadt, die Musikmetropole sein will, braucht ein eigenes Festival von internationaler Strahlkraft. Das zu etablieren, war in den vorigen Jahrzehnten bei verschiedenen Anläufen zumindest nicht auf lange Sicht geglückt. Zu Beginn der 90er Jahre hatten die damaligen Staatsopern-Chefs Gerd Albrecht und Peter Ruzicka ein Musikfest in Hamburg initiiert, das 1994 eingespart wurde. Im Jahr 2000 startete Ingo Metzmachers Musikfest, das trotz aufregender Programme nur fünf Ausgaben überdauerte. Immerhin siebenmal, von 2006 bis 2012, präsentierte Simone Young ihre auf das Schaffen von Johannes Brahms fokussierten "Ostertöne" - aber jeweils nur vier Tage lang, während des Kar- und Osterwochenendes. Seit 2014 findet nun das Internationale Musikfest Hamburg statt.

Der gemeinsame Wille, etwas zu gestalten, ist das Fundament für das Internationale Musikfest, das nicht nur von der Stadt Hamburg, sondern auch von privaten Förderern wie etwa der Kühne-Stiftung finanziell getragen wird. Mit dieser geballten künstlerischen und materiellen Power im Rücken ist Lieben-Seutter in der Lage, zum Saisonfinale im Mai und Juni noch einmal die Schlagzahl zu erhöhen. Im Internationalen Musikfest Hamburg - zunächst auf einen zweijährigen Turnus angelegt - bündelt der Intendant reguläre Konzerte mit aufwendigen Produktionen, die eigens für das Festival entstehen.

2016, beim zweiten Durchgang, startet das Musikfest mit Bachs Matthäus-Passion, in einer heiß diskutierten, bildhaft-szenischen Aufführung des Regisseurs Romeo Castellucci in den Deichtorhallen. 2018 dann, endlich, die erste Ausgabe in der Elbphilharmonie. Thomas Hengelbrock, das NDR Elbphilharmonie Orchester und die Chöre des NDR und des BR eröffnen das Internationale Musikfest Hamburg mit Beethovens Missa solemnis. Der Startschuss zu einem Programm, das unter dem Motto "Utopie" Ausrufezeichen setzt. Mit Gaststars wie Riccardo Chailly und dem Chor und Orchester der Mailänder Scala, die ein packendes Verdi-Requiem in die Elbphilharmonie bringen. Aber auch mit einem spannenden Stockhausen-Schwerpunkt und vielen Akzenten abseits der Klassik - darunter ein Projekt des Ensembles stargaze zu David Bowies letztem Album "Blackstar".

Elbphilharmonie wird Heimstätte für das Musikfest

Thomas Hengelbrock probt Israel in Egypt © Elbphilharmonie/Maxim Schulz
Thomas Hengelbrock probt "Israel in Egypt" im Rahmen des Internationalen Musikfestes Hamburg

Mit dem Umzug in die Elbphilharmonie wechselt das Internationale Musikfest in den Ein-Jahres-Rhythmus. 2019 rückt das Schaffen des Komponisten György Ligeti ins Zentrum - zu erleben etwa bei einer fantastischen Aufführung seiner Oper "Le Grand Macabre" in der Regie von Doug Fitch, mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und dem NDR Chor unter Leitung von Alan Gilbert. Einer von vielen Höhepunkten beim letzten vor-pandemischen Musikfest, wie auch die Produktion "Kreatur" von Sasha Waltz auf Kampnagel oder die Auftritte von Krystian Zimerman und Anne-Sophie Mutter.

Das fünfte Internationale Musikfest im Jahr 2020 - unter anderem als Hommage an die Komponistin Sofia Gubaidulina konzipiert - wurde zum Opfer des Corona-Virus. Das sechste verlegte sein Angebot ins Internet und zeigte rund zwanzig Konzerte als kostenlosen Live-Stream in der Mediathek der Elbphilharmonie. Besonders packend: die beiden Brahms-Abende mit dem Belcea Quartet samt Gästen und die Konzerte des Themenschwerpunkts "A Celebration Of Black Music". Unter der künstlerischen Leitung von Bariton Thomas Hampson und der Sopranistin Louise Toppin, präsentierte das Musikfest hier vergessene Werke von schwarzen Komponistinnen und Komponisten wie die Lieder von Margaret Bonds oder die "Negro Folk Symphony" von William Dawson. Eine riesige Entdeckung, die dann sogar doch noch in einem echten Präsenzkonzert zu erleben war, weil ab Ende Mai 2021 wieder Publikum im Saal sitzen durfte. Ein Lichtblick nach einer dunklen Zeit für die Live-Musik.

Der Schaden, den die Corona-Pandemie angerichtet hat, ist natürlich auch beim Internationalen Musikfest zu spüren. Trotzdem hat sich das Festival in der schwierigen Zeit mit neuen Formaten und Ideen gezeigt - und seine Stellung als herausragendes Kultur-Event gewahrt. Die Leerstelle ist geschlossen. Hamburg hat ein Musikfestival von internationalem Gewicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 28.12.2021 | 09:20 Uhr

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