Hanns Eisler blickt in ein Heft mit Noten. © picture-alliance / akg-images | akg-images

Komponist der DDR-Nationalhymne: Er schrieb auch für Hollywood

Stand: 26.11.2021 19:20 Uhr

Er schrieb Protestlieder für Arbeiterchöre, oscarnominierte Holllywood-Soundtracks und die Nationalhymne der DDR: Hanns Eislers Schaffen spannt einen gewaltigen Bogen. Am Wochenende widmet die Hamburger Elbphilharmonie dem Komponisten einen Schwerpunkt.

von Mischa Kreiskott

Am 7. November 1949 wird in der Deutschen Staatsoper in Berlin Hanns Eislers Lied "Auferstanden aus Ruinen" uraufgeführt. Kurze Zeit später wird es zur offiziellen Hymne der DDR erklärt. Der Komponist Eisler und der Textdichter Johannes R. Becher bekommen dafür den Nationalpreis Erster Klasse.

Hanns Eisler: In Westdeutschland eine Unperson

All das lässt Eisler im Westen Deutschlands zur Unperson werden: Als "musikalischen Propagandachef des SED-Regimes" bezeichnet man ihn. Ein Vorwurf, der bis heute an Eislers Musik kleben geblieben ist. Ein Grund, dass der Komponist es nicht in den gesamtdeutschen Kanon geschafft habe, sagt auch der Bariton und Eisler-Interpret Matthias Goerne: "Ich würde denken, das liegt an der politischen Nähe, die scheinbar da gewesen ist. Dabei stimmt das gar nicht, der war nur politisch engagiert, und das ist ein großer Unterschied. Das politische Engagement eines Menschen, gerade in Diktaturen, kann einem zum Verhängnis werden."

VIDEO: Matthias Goerne über Eislers Deutsche Sinfonie (4 Min)

Musik für eine bessere Welt

Natürlich glaubt Eisler an eine bessere, gerechtere Welt. Musik soll auf diesem Weg in eine bessere Zukunft ihre Rolle spielen. Das erkennt der Komponist früh: "Als ich darauf kam, dass die Politik sich so für Musik interessiert, habe ich mich als Musiker für Politik interessiert - ich hab' das nur umgedreht", sagt Eisler 1961 in einem Radiointerview. Wenn er komponiert, ist das mit einer Vision verbunden: "Ich versuche mit den Mitteln der Musik etwas politische Intelligenz in den Menschen hineinzubringen. Ich weiß, dass das viele Leute nicht mögen, aber dann müssen sie sich eben ändern. Die Leute müssen sich ändern, vielleicht auch mit den Mitteln der Musik."

"Die Musik hat ein schreckliches Eigenleben"

Schlichte, mitsingbare Melodien sollen Eislers Werke haben. Effekthascherei und bürgerlichen Pomp lehnt er ab. Er will Massen begeistern, ohne sie zu benebeln. "Ich darf auch nicht den Naturtrieben der Musik nachgeben", so der Komponist. "Die Musik hat auch ein schreckliches Eigenleben. Sie will mich immer in gewisse Bahnen bringen, wo die automatisierten Assoziationen wie die Wölfe lauern - und das muss man wissen. Da unterscheidet sich heutzutage ein Meister von einem, der einer sein will."

Eislers Hollywood-Liederbuch: "Dinge, die ihn beschäftigt haben"

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Matthias Goerne im Porträt © Caroline De Bon

Matthias Goerne stellt Hanns Eisler in den Fokus

Der renommierte Bariton Matthias Goerne gastiert drei Tage lang mit Werken von Hanns Eisler in der Elbphilharmonie. mehr

Der Bariton Matthias Goerne vergleicht Eisler in seiner minimalistischen Eindringlichkeit sogar mit Franz Schubert. Auch Schubert gelinge es, alltägliches Empfinden in die Kunstform Lied zu gießen - wie Eisler in seinem Hollywood-Liederbuch: "Das sind Dinge, die ihn beschäftigt haben. Eine klare Reflexion darüber, was es bedeutet, im Exil leben zu müssen. Nicht weil man das will, sondern weil das die einzige Möglichkeit der Existenzberechtigung gewährleistet."

Exil in Santa Monica

Die Hollywood-Liederbücher von Hanns Eisler entstehen in den 40er-Jahren im amerikanischen Exil. Schon in den frühen 30er-Jahren fliehen Eisler und seine Frau Lou aus Deutschland. Dänemark, London, New York - eine Odyssee beginnt, die erst 1942 in Santa Monica endet. Eisler lebt schließlich in den Pacific Palisades, mitten in der Exil-Community. Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno und Bertolt Brecht sind quasi Nachbarn. Eine produktive Zeit. Viele Filmmusiken entstehen in den Jahren in Hollywood, zum Beispiel "Hangmen Also Die" mit Brecht und Fritz Lang, 1943 als beste Filmmusik für den Oscar nominiert.

Eislers "Deutsche Sinfonie"

Neben diesen kommerziellen Arbeiten brütet Eisler in all den Exiljahren auch an seinem Schlüsselwerk: Der "Deutschen Sinfonie", "die den Untertitel 'Konzentrationslager-Symphonie' haben wird", schreibt er an Brecht. Erst 1959 wird dieses Werk zwischen Oratorium und Sinfonie uraufgeführt. Ein Stück, dessen Dimension weiterreiche als ein "Sichabarbeiten" am Nazi-Regime, so liest es Matthias Goerne: "Man merkt, dass das Ende dieses Stückes eigentlich schon wieder als Kritik zu verstehen ist an der DDR selbst. An den diktatorischen Prinzipien, die sich weiter durchgezogen haben seit der Nazizeit.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 26.11.2021 | 14:40 Uhr

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