Spitzenschuhe hängen in einem Ballettsaal nebeneinander auf einer Stange. © photocase Foto: Nicole Thieme

Ballett: Ist der klassische Tanz vor allem ein "weißes" Geschäft?

Stand: 29.04.2021 08:41 Uhr

Es gibt kaum eine Kunstform, die so international besetzt ist wie der klassische Tanz. Trotzdem finden sich bei den großen Ballettcompagnien in Deutschland nur selten Solistinnen oder Solisten mit schwarzer Haut.

Spitzenschuhe hängen in einem Ballettsaal nebeneinander auf einer Stange. © photocase Foto: Nicole Thieme
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von Annette Matz

"Wenn man zum Beispiel auf das Hamburg Ballett guckt - selbstverständlich haben wir da Diversity", sagt Gabriele Klein, Tanzwissenschaftlerin und Professorin an der Uni Hamburg. "Wir haben heterosexuelle und homosexuelle Tänzer und Tänzerinnen, wir haben Tänzer und Tänzerinnen aus dem asiatischen Raum, aus Südamerika. Wir haben unterschiedliche Religionszugehörigkeiten." Alle Ballettcompagnien seien auf diese beschriebene Weise divers, sagt sie. Aber bei der Hautfarbe hört die Buntheit meistens auf.

Ballett als "eine Frage des Elternhauses"?

Johannes Öhman, ehemaliger Intendant am Berliner Staatsballett, fordert eine Quote für schwarze Tänzer und Tänzerinnen. Aber das allein reiche nicht, findet Gabriele Klein. "Wenn wir keine Ausbildungsstrukturen haben - international kann man das sehen - dann macht die Quote auch keinen Sinn. Dann wird man immer die Debatte führen um Qualität." Ob jemand zum Ballett geht, sei vor allem vom Elternhaus abhängig. Eine Karriere außerhalb der Großbürgerlichkeit - wie in dem Kinofilm "Billy Elliot", sei eigentlich nur mit kultureller Vermittlungsarbeit möglich. Ballett ist eine zutiefst bürgerliche Kunstform. Nach wie vor gelte die Klausel "ein bisschen Klavier, ein bisschen Französisch ein bisschen Ballett für die gute Erziehung. Und in Hamburg vielleicht noch ein bisschen Hockey."

Neumeier: Talent und Technik zählen

Hamburgs Ballettchef John Neumeier hat in einem Interview einmal gesagt, er sehe schwarze Tänzer als Selbstverständlichkeit an: "Es gibt wunderbare schwarze Tänzer. Ich sehe keine Grenze von Farben oder sonst etwas. Ich denke, es ist nur eine Sache des Talents und der Technik."

Der klassische Tanz muss sich ändern

Wer schwarz ist und erfolgreich, ist so ungewöhnlich, dass er oder besser sie direkt in die Ballettgeschichte eingeht: Wie Misty Copeland vom American Ballet Theatre, die als eine der zwei schwarzen Primaballerinen überhaupt weltweit prominent ist. Oder die Tänzerin und Choreografin Germaine Acogny, heute 77 Jahre alt, die vor wenigen Monaten den Goldenen Löwen der Tanzbiennale von Venedig für ihr Lebenswerk bekommen hat. Sie hat der Hamburger Professorin vor vielen Jahren sehr eindrücklich erzählt, dass ihr schwarzer Körper die europäische Technik schwer tanzen könne, weil der schwarze Körper ganz andere Schwerpunkt habe.

Mit seinen Bewegungen und Techniken scheint der europäisch geprägte klassische Tanz die Möglichkeiten der Menschen mit anderer Herkunft  einzuschränken. Vor allem bei den Tänzerinnen, die zart und elfengleich auf Spitzenschuhen die Schwerkraft überwinden sollen. "Schwarze Tänzer sind ja lange nicht so umstritten wie die Vorstellung einer schwarzen Tänzerin im weißen Tutu."

Auch der Blick von außen muss sich anpassen

Nicht nur die klassische Ballettsprache muss sich anpassen. Auch der Blick von außen. Der afroamerikanische Tänzer Ronald Darden war Anfang der 1980er-Jahre beim Hamburg Ballett. Ein Exot: Noch vor einigen Jahren erinnerte sich der Vorstand der Hamburger Ballettfreunde in einem Rundbrief an seine "männlich - erotische Ausstrahlung durch seine dunkle Hautfarbe". Über die zweite schwarze Tänzerin im Ensemble, Rena Robinson, sprach eine Journalistin noch 2004 allen Ernstes von der "schönen schwarzen Gazelle". Heute - hoffentlich - undenkbar.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 30.04.2021 | 19:00 Uhr

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