Stand: 15.10.2018 23:00 Uhr

Auf den Spuren der Familie Hahn

von Sophia Münder
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Für den jüdischen Kaufmann Max Raphael Hahn und seine Familie wurden in der Göttinger Fußgängerzone Stolpersteine verlegt.

Die jüdische Kaufmannsfamilie Hahn war eine der reichsten und anerkanntesten Familien Göttingens. Max Raphael Hahn sammelte Judaica - rituelle Silberstücke. 1939 wurde die kostbare Sammlung von den Nazis beschlagnahmt. Der Großteil gilt als verschollen. Die Familie lässt mithilfe eines Provenienzforschers nach ihr suchen. Und das mit Erfolg.

Michael Hayden steht vor dem Haus seiner Vorfahren in der Göttinger Fußgängerzone. Hier handelte einst sein jüdischer Großvater Max Raphael Hahn mit Pelzen und Schuhen. Hayden ist nach Göttingen gekommen, um dabei zu sein, wenn als Erinnerung an seine Familie goldene Stolpersteine verlegt werden. Michael Hayden ist ein bekannter Genetiker und lebt abwechselnd in Kanada und Israel. Er möchte die Geschichte seiner Familie aufarbeiten. Er sucht Antworten auf viele Fragen: "Was für Leute waren sie? Wie haben sie ihre Arbeiter behandelt? Wie haben sie sich zueinander verhalten? Wie haben sie sich in ihrer Gemeinde engagiert? Ich habe einige erstaunliche Geschichten gehört. Wie großzügig und was für Eltern sie waren."

Jemand hält einen antiken verzierten Becher in den Händen

Museumsdetektive: Raubkunst in Hamburg gefunden

Kulturjournal -

1939 haben die Nazis Silberstücke der jüdischen Familie Hahn aus Göttingen beschlagnahmt. Sie galten lange als verschollen. Doch nun hat ein Forscher ein Stück der Sammlung gefunden, in Hamburg.

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Eine sehr wertvolle Sammlung geht verloren

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Max Raphael Hahn mit seiner Frau. Die Familie zählte zu den reichsten und anerkanntesten Familien in Göttingen.

Familie Hahn zählte zu den reichsten und anerkanntesten Familien Göttingens. Max Hahns Judaica-Sammlung - rituelle Objekte und Silber - war so wertvoll, dass sie mit den Kollektionen der sehr reichen jüdischen Familien Rothschild und Sassoon verglichen wurde. Einen Großteil der kostbaren Objekte beschlagnahmten die Nazis im März 1939. "Er war eindeutig in seine Sammlung verliebt, denn selbst als er im Gefängnis saß, schrieb er immer noch über seine Judaica", erzählt Michael Hayden über seinen Großvater.

Kontoauszüge bringen Licht ins Dunkel

Michael Hayden hat den Provenienzforscher Christian Riemenschneider beauftragt, sich auf die Suche nach der Sammlung zu machen. Ein Jahr lang durchforstete er die Archive Norddeutschlands nach Spuren der Objekte, wälzte Akten, telefonierte. "Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, aber wenn man sich nicht auf die Suche begibt, gibt es keine Chance", sagt Riemenschneider. Er erfährt, dass Max Hahn und seine Frau vor ihrer Deportation in Hamburg lebten. Sind einzelne Stücke der Judaica-Sammlung vielleicht in der Stadt geblieben? Alte Kontoauszüge, die Riemenscheider im Staatsarchiv Hamburg findet, helfen ihm schließlich weiter. In diesen wird angemerkt, dass es bei der Sparkasse ein kleines Depot mit Kunstgegenständen gibt - für Hanni Hahn, die Tochter der Hahns.

"Ein kleines Wunder"

Dass nach dem Krieg rund 3.000 Stücke beschlagnahmtes jüdisches Silber nach Hamburg kamen, ist unter Forschern bekannt. Doch Riemenschneider sucht nach etwas Bestimmten: einem silbernen Kidduschbecher, aus dem gesegneter Wein getrunken wird. Außerdem versucht er eine silberne Bessamim-Büchse zu finden - eine Gewürzbüchse. Ein paar Wochen und Mailwechsel später kann er es nicht fassen. "Das ist ein kleines Wunder", staunt der Provenienzforscher. In seiner Hand hält Riemenschneider tatsächlich den verschollenen Kidduschbecher. Fast 60 Jahre stand er in einer Vitrine im Keller des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Auf dem Becher ist die Jacobsgeschichte aus dem Alten Testament zu sehen. "Es ist einfach für die Familie, für die Nachfahren der Familie und für mich als Forscher, aber auch persönlich ein richtiges Highlight", freut sich Riemenschneider.

Wiedervereinigung nach 80 Jahren

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Michael Hayden ist auf der Suche nach der verschollenen Judaica-Sammlung seines Großvaters.

Auch für die Provenienzforscherin des Museums, Silke Reuther, ist es ein besonderer Moment. Es passiert hin und wieder, dass solche Objekte ihren alten Besitzern zugeordnet werden können. "Aber in dem Fall des beschlagnahmten Silbers ist es eben eine kleine Sensation, die uns hier alle im Haus sehr gefreut hat", sagt Reuther. Auch der Enkel der Familie Hahn, Michael Hayden, kann es kaum glauben: "Das Finden des Bechers war wirklich erstaunlich. Das Schöne war, dass mein Großvater fühlte, dass dieser Becher so wichtig war, dass er ihn bei sich behielt, bis er schließlich nach Hamburg ziehen musste."

So wird die Familie Hahn/Hayden, 80 Jahre nach der Pogromnacht im November 1938, den silbernen Kidduschbecher zurückbekommen. Aber die Suche nach dem Rest der Sammlung geht weiter.

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