Der Theaterretter von Anklam: Trauer um Intendant Wolfgang Bordel

Stand: 29.10.2022 21:23 Uhr

Der Gründer der Vorpommerschen Landesbühne Wolfgang Bordel ist mit 71 Jahren gestorben. Er war viele Jahre Intendant des Theaters in Anklam und rettete das Haus durch schwere Zeiten.

von Thomas Naedler

Bordel war der dienstälteste Intendant Deutschlands, 36 Jahre seinem Theater treu. Er war ein mutiger, ein einfühlsamer, ein überlegter Theatermacher. Nun ist Wolfgang Bordel im Alter von 71 Jahren gestorben.

Bordel: Theater ist ein gemeinsames Unternehmen

Er hätte vieles machen können - Lokomotiven reparieren zum Beispiel, denn das hat er einmal gelernt. Aber auch Forschen, denn Physik hat er später studiert. Am dichtesten am Theater aber war wohl das Philosophiestudium in Berlin, das er mit einer Promotion abschloss. Doktor Wolfgang Bordel aber entschied sich für das Theater. Bereits während seiner Lehre spielte er an einer Arbeiterbühne in seiner Heimatstadt Halle. An Universitäten gründete und leitete er Theatergruppen - mit Erfolg bei DDR-weiten Theatertreffen. "Theater ist ein gemeinsames Unternehmen auf der Bühne, vor der Bühne, hinter der Bühne", so Bordel.

Kulturpreis des Landes MV für Bordel 2020

1983 wurde Wolfgang Bordel dann Intendant des Theaters in Anklam. Es war das Haus, das ihm am meisten bedeutete, das er gerettet hat über schwere Zeiten, das dann Vorpommersche Landesbühne wurde. "Das Wichtigste und für mich Größte war, dass ich 1990 die ganzen Kollegen im Theater versammeln konnte und dass wir gemeinsam beschlossen haben: Es wird die Landesbühne in Anklam weitergeben, gegen allen Widerstand", erinnerte er sich: "Wir machen weiter, wir spielen Theater, wir sind für die Zuschauer da. Und das ist gelungen. Das haben wir gemeinsam geschafft, und da bin ich ganz froh und stolz, dass es immer noch ein Theater in Anklam gibt."

Vor zwei Jahren erst war Wolfgang Bordel mit dem Kulturpreis des Landes geehrt worden. In der Laudatio sagte Christian Schwandt, Mitglied des Bühnenvereins und Wegbegleiter: "Das, was ihn wirklich auszeichnet ist, dass er der personifizierte Überlebenswillen des Theaters ist. Uns beim Deutschen Bühnenverein hat es doch sehr gewundert, dass das Theater in Anklam so lange überlebt hat. Denn ich erinnere mich an ein Gutachten von 1992, in dem gesagt wurde, dass Anklam eine viel zu kleine Stadt ist, um so ein Theater überleben zu lassen."

Bordel brachte Kultur nach Usedom

Sein Publikum war ihm immer das wichtigste. Er hatte ein Gespür dafür, was seine Zuschauer wollten, vielleicht sogar, was sie brauchten. 27 Jahre hat er die Vineta-Festspiele geleitet, hat mit seinen Schauspielern auf Usedom das Chapeau Rouge in Heringsdorf und in Zinnowitz die Blechbüchse zu Orten der Kultur gemacht. In einem Interview zu seinem 70. Geburtstag sagte Wolfgang Bordel: "Wenn Du mich fragst, was meine zukünftigen Pläne sind, dann kann ich antworten: Abenteuer beginnen, wo Pläne enden. Und ich freue mich auf die Abenteuer."

Vielleicht muss man sich das, was nach dem Tod kommt, als großes Theater vorstellen. Wolfgang Bordels Abenteuer könnte sein, dieses Theater zu leiten.

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