Premiere im Thalia Theater: Szene aus "Mittagsstunde" von Dörte Hansen. © Peter Bruns Foto: Peter Bruns

"Mittagsstunde": Kunstvolle Erzählung vom Leben und Verschwinden

Stand: 13.06.2021 09:23 Uhr

Die Proben waren schon im Februar abgeschlossen, am 12. Juni hat das Stück "Mittagsstunde", nach dem Bestseller von Dörte Hansen, am Hamburger Thalia Theater Premiere gefeiert.

von Katja Weise

Regisseurin Anna-Sophie Mahler brachte den Roman, der vom allmählichen Verschwinden der dörflichen Welt erzählt, mit viel Musik auf die Bühne. Und so lag es auch an ebendieser Musik, dass es am Ende viele glückliche Gesichter und Jubel gab. Denn wie Mahler aus Dörte Hansens 300 Seiten langem Roman ihren Theaterabend entwickelt, mit Musik als Herzfaden, ist schlicht großartig. Jeder Figur ist ein anderes Genre zugeordnet: Schlager, Chor-, Volks-, Marschmusik oder die Songs von Neil Young.

Ingwer Feddersen träumt vom Fallen

Thomas Niehaus spielt Ingwer Feddersen - ein braver, alt gewordener Junge im Strickpullover. © Peter Bruns Foto: Peter Bruns
Thomas Niehaus spielt Ingwer Feddersen, der keinen Halt findet.

Die Regisseurin rückt Ingwer Feddersen ins Zentrum der Geschichte - bei Thomas Niehaus ein braver, alt gewordener Junge im Strickpullover, Hemdkragen ordentlich oben drüber. Jedes Wochenende fährt er von Kiel nach Brinkebüll. Die Großeltern kommen allein kaum noch klar, trotzdem versucht der Großvater, den Dorfkrug weiterzuführen, in der Inszenierung ein verstaubter Tresen mitten auf der Bühne.

"Manchmal träume ich in letzter Zeit vom Fallen. Ich falle dann immer durch das Weltall. Ich falle und falle und falle durch dieses unvorstellbar große Nichts. Das ist der schlimmste Traum von allen", findet Ingwer. Kein Halt nirgends. Und nun? Erinnerungen. An die Zeit, als seine Mutter, die verrückte Marret, ihn mit Schlagern beschallte. Der Vater, ein Landvermesser, kam nach der einen Nacht nie zurück.

"Es gibt zu jedem Lebensthema einen deutschen Schlager, und ich kenne leider alle. Ingwer Feddersen, die Hitparade auf zwei Beinen." Und Thomas Niehaus kann sie alle spielen - auf verschiedenen Instrumenten. Ein Geschenk für Anna-Sophie Mahler, die Sprachlosigkeit in Musik übersetzt. Bei Dörte Hansen wird nicht viel geredet. Und wenn, dann op platt. Die Regisseurin hat sich für eine hochdeutsche Fassung entschieden. Dörfer wie Brinkebüll, das machen beide deutlich, gibt es nicht nur in Norddeutschland.

Thalia Theater: Ensemble begeistert

Premiere von "Mittagsstunde": Blick auf eine Line-Dance Gruppe - mit Hut und Westernstiefeln. © Peter Bruns Foto: Peter Bruns
Beim Line-Dance geht es schwungvoll zu!

Am Anfang steht noch ein Heuwagen auf der Bühne, am Ende bleiben nicht einmal Strohballen; auch die Bäume sind fort, im Herbst fallen keine Kastanien mehr. Die Landvermesser haben Brinkebüll begradigt: "Sie haben es auf dem Papier bereits erledigt." Und im Dorfkrug trifft sich nun die Line-Dance Gruppe - mit Hut und Westernstiefeln. Björn Meyer als Vortänzer und Sänger Heiko Ketelsen ist eine Wucht. Das ganze Ensemble begeistert an diesem melancholischen, mitreißenden Abend, der so kunstvoll vom Leben und Verschwinden erzählt. Auch Dörte Hansen ist glücklich:

Da ist diese Harmlosigkeit des Schlagers und die Volkstümlichkeit der Volksmusik, aber unter diesem ganzen brodelt eben auch etwas ganz Gefährliches. Diese Brüche in der Musik und das Spielen damit, das ist in diesem Stück großartig gelungen, finde ich, und heute auch ganz toll umgesetzt. Dörte Hansen

 

Weitere Informationen
Eingang des Thalia Theaters © IMAGO / Hanno Bode Foto: Hanno Bode

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Die Thalia Theater Regisseurin Anna-Sophie Mahlerzu Gast bei NDR Kultur am Rothenbaum in Hamburg. © NDR
55 Min

Dörten Hansens "Mittagsstunde" - Premiere am Thalia Theater

Die Regisseurin Anna-Sophie Mahler hat Dörte Hansens nordfriesische Familiesaga für die Bühne in Szene gesetzt. 55 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 13.06.2021 | 14:20 Uhr