Stand: 05.08.2020 12:06 Uhr

Ausstellung: Aby Warburgs Bildatlas in Berlin

von Oliver Kranz

In seiner Hamburger Bibliothek stellte der Kulturwissenschaftler Aby Warburg in den 20er-Jahren den Bildatlas "Mnemosyne" zusammen. Er gilt als eines der wichtigsten kunsthistorischen Überblickswerke. Es war aber kein Buch, sondern ein System aus Pinnwänden mit Fotos, Zeichnungen und Zeitungsausschnitten. Dieser Atlas ist nun rekonstruiert worden und wird im September im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ausgestellt. Zuvor wird außerdem in der Berliner Gemäldegalerie eine Ausstellung eröffnet, die auf Aby Warburgs Bilderatlas beruht. Sie trägt den Titel "Zwischen Kosmos und Pathos - Berliner Werke aus Aby Warburgs Bilderatlas ".

Aby Warburg © picture alliance/akg-images
Aby Warburg wurde 1866 in Hamburg geboren. Er starb am 26. Oktober 1929.

Jörg Völlnagel von der Berliner Gemäldegalerie steckt noch mitten in den Aufbauarbeiten. Beide Ausstellungen folgen ähnlichen Fragen, sagt er: "Wie gruppiert man Kunstwerke? Wie zeigt man Verbindungslinien zwischen Kunstwerken? Wie macht man den Geist der Kunstwerke erfahrbar in einer Ausstellung? Wir glauben, dass Aby Warburg in diesre Hinsicht sehr modern ist und deshalb lohnt es sich auch, sich mit ihm auseinanderzusetzen." Die Gemäldegalerie zeigt Kunstwerke im Original: Kupferstiche, Gemälde und Plakate. Das Haus der Kulturen der Welt hingegen hat Aby Warburgs Pinnwände rekonstruiert.

Anordnung nach Motiven

Jörg Völlnagel bezeichnet das Konzept in der Gemäldegalerie so: "Wir machen sozusagen eine Art Reenactment in 3D, in dem wir die Originalwerke einbeziehen. Aber es hängt eben ein sehr großes Gemälde von Ghirlandaio neben einem sehr kleinen Gemälde von Ghirlandaio. Und daneben hängt ein grafisches Blatt. Das Wichtige ist nicht, es so zu kuratieren, dass man eine schöne Gemäldestrecke an der einen Wand und eine Grafikstrecke an der anderen Wand hat. Die thematische Verbindung, das Verfolgen von bestimmten Motiven durch alle Gattungen, durch alle Zeiten, durch die Jahrhunderte, das ist das Programm der Ausstellung."

Am Eingang begegnet dem Besucher gleich dreimal eine Geste, die Melancholie darstellt: Figuren legen traurig ihren Kopf in eine ihrer Hände. In einem Gemälde von Vittore Carpaccio ist es der Prophet Hiob: "Der Prophet Hiob denkt über den Tod Christi nach", erklärt der Kurator Neville Rowley. "Man sieht ihn mit seinem Kopf in der Hand, wie die berühmte Figur der Melancholie von Albrecht Dürer. Es gibt auch ein berühmtes Foto von Warburg, da hat er diese Geste der Melancholie." Dieser Blick, der nicht zwischen Hoch- und Alltagskultur unterscheidet, sondern einfach nach der Bedeutung von Motiven fragt, ist hochmodern.

Beschäftigung mit der modernen Bilderflut

Der Mnemosyne Atlas in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg. © Fine Art Images Foto: Fine Art Images
So sah der historische Bildatlas "Mnemosyne" in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg aus.

Aby Warburg hat die Ikonografie als Disziplin der Kunstwissenschaft etabliert. Die Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie lässt seine Gedankenwelt lebendig werden. Jörg Völlnagel betont: "Der Atlas, diese Ausstellung, das Projekt im Haus der Kulturen der Welt, ist auch eine Aufforderung und Einladung, uns wieder mehr damit zu beschäftigen, woher unsere Bildmotive kommen. Wir leben in einer extrem bilderaffinen Welt. Alles ist Bild. Jeder hat die kleine Bildermaschine mit dem Smartphone immer in seiner Tasche. Und zu wissen, woher sie kommen und sich bewusst zu sein, dass der Bildervorrat der Welt zuzusagen da ist und immer wieder neu konfiguriert wird, das ist, glaube ich, keine schlechte Voraussetzung."

Verbindung zwischen Hoch- und Alltagskultur

Die Ausstellung präsentiert antike Skulpturen und Renaissancegemälde, aber auch Gebrauchsgrafik aus dem vorigen Jahrhundert. Neben einer Venus von Botticelli sind Briefmarken und ein Kochbuch zu sehen. Überall sind Mädchen abgebildet, die dynamisch nach vorn schreiten: "Die Briefmarken oder das Kochbuch sind aktuelle Bilder, die Warburg vor seinen Augen hatte. Er gesagt: Aber das ist die Nymphe. Das ist die Nymphe von Ghirlandaio, von dem antiken Sarkophag, die Gradiva. Und sie ist wieder da", erklärt Neville Rowley.

Die Ausstellung "Zwischen Pathos und Kosmos" in der Berliner Gemäldegalerie wird am 6. August 2020 eröffnet und läuft bis zum 1. November 2020.

Die Ausstellung "Aby Warburg. Bilderatlas Mnemosyne" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin beginnt am 4. September 2020 und endet am 30. November 2020.

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov
AUDIO: Zeitzeichen: 13.06.1866 - Geburtstag von Aby Warburg (15 Min)
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Aby Warburg © picture alliance/akg-images

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 05.08.2020 | 10:20 Uhr