Stand: 19.08.2019 13:43 Uhr

Warum zeigen viele Museen vergessene Künstlerinnen?

von Anette Schneider

Es ist nicht zu übersehen: An zahlreichen Museen werden seit einiger Zeit in großen Ausstellungen vergessene Künstlerinnen, Designerinnen oder Architektinnen vorgestellt - zum Beispiel in führenden Häusern in Bremen, Dresden, Hamburg und Wien. Im Herbst folgen Projekte in Berlin, Frankfurt und Paris. Ist das Zufall, ein neuer Trend oder gar eine kurzlebige Mode angesichts der schon wieder abklingenden #MeToo-Debatte?

2018 widmete die Kestner Gesellschaft in Hannover den Guerrilla Girls eine Ausstellung mit dem Titel "The Art of Behaving Badly".

Wenn momentan auffällig viele Museen einst berühmte, heute völlig vergessene Künstlerinnen wiederentdecken, wenn die Direktorin des britischen Museums Tate Britain die Abteilung für Kunst ab 1960 leer räumen und dort dieses Jahr ausschließlich Kunst von Frauen zeigen lässt, oder wenn das Baltimore Museum of Art gerade erklärte, ab Oktober ein Jahr lang ausschließlich Ausstellungen mit Künstlerinnen zu zeigen, dann ist jedes Projekt ein starkes Statement gegen die noch immer systematische Benachteiligung von Frauen im Kunst- und Kulturbetrieb. Natürlich kann man sich darüber freuen. Man kann aber auch fassungslos fragen: Wieso geschieht das alles erst jetzt?

Männer hatten lange Zeit das Sagen und die Macht

Vor knapp drei Jahren nahmen die legendären Guerrilla Girls, die seit den 1980er-Jahren radikale feministische Institutionskritik im Kulturbereich betreiben, das Museum Ludwig in Köln unter die Lupe. Das Ergebnis präsentierten sie in einem Film, in dem es heißt: "Was ist in einer der vielfältigsten Städte Deutschlands zu 89 Prozent männlich und 97 Prozent weiß? Das Museum Ludwig!" Jahrhundertelang schwiegen Männer die weibliche Konkurrenz systematisch tot, machten sie vergessen. Männer hatten die dafür notwendige politische Macht. Männer hatten das Sagen an Universitäten, in Kunstakademien, Medien und Museen.

Museen sammelten keine Kunstwerke von Frauen

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Tulga Beyerle, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, war auch Kuratorin der Ausstellung über vergessene Designerinnen.

Männer verboten Frauen das Studieren und erklärten sie für unfähig, Kunst zu machen. Schaffte es dennoch eine, berühmt zu werden, wurde sie nach ihrem Tod systematisch verschwiegen: Sie tauchte in Katalogen nicht auf, Museumsdirektoren kauften ihre Werke nicht an, erklärt Tulga Beyerle, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg und Kuratorin einer großen Ausstellung über vergessene Designerinnen. Sie sagt: "Die Museen haben Frauen nicht aktiv gesammelt. Man kümmerte sich um Nachlässe von Männern, aber nicht um die von Frauen. Museen und Archive sind also für die Situation mitverantwortlich."

Ein weiterer Grund für ihr langes Vergessen: Wer hätte nach ihnen forschen sollen, wenn Frauen nicht studieren durften? "Wenn nur wenige Frauen Professorinnen werden und weitere Generationen prägen können, dann gibt es wenige, die erzählen können, welche großartigen Frauen sie als Vorbilder hatten", so Tulga Beyerle.

Änderung mit Frauenbewegung in den 1970er-Jahren

Das änderte sich erst in den 1970er-Jahren durch Frauenbewegung und feministische Künstlerinnen: Nun forderten Frauen nicht nur Gleichberechtigung sondern Selbstbestimmung. Sie studierten an Universitäten und Akademien. Sie organisierten eigene Netzwerke und Strukturen, gründeten eigene Ausstellungen und Zeitschriften.

Langsam gibt es mehr Frauen in Führungspositionen

So entlarvten die Guerrilla Girls 35 Jahre vor der #MeToo-Debatte die Diskriminierung der Frauen im Kulturbereich als Folge des bestehenden Gesellschaftssystems. Zur selben Zeit begann in Berlin das "Verborgene Museum" nach vergessenen Künstlerinnen zu forschen und weibliche Traditionslinien festzuschreiben. Erste Professorinnen und Kuratorinnen gelangten in die Institutionen. Heute sind sage und schreibe 24 Prozent der Professorinnen weiblich. Und seit einigen Jahren erhalten Wissenschaftlerinnen endlich auch Direktorinnenposten an führenden Museen wie in London, Wien, Dresden oder an den Vatikanischen Museen in Rom.

Wenn also nach Jahrzehnten des Kampfes um Gleichberechtigung Museen endlich vergessene Malerinnen, Bildhauerinnen, Architektinnen und Designerinnen würdigen, liegt das auch daran, dass die Häuser erstmals seit Jahrhunderten von Frauen geleitet werden, dass Frauen endlich an maßgeblicher Stelle über Inhalte bestimmen. Dazu gehört die von Männern aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgten Frauen und deren Leistungen wieder sichtbar zu machen. Damit ist klar: Die Museen stehen erst am Anfang.

Weitere Informationen

Museum zeigt Künstlerinnen hinter den Kulissen

15.05.2019 10:00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 19.08.2019 | 11:20 Uhr