Stand: 06.04.2020 18:33 Uhr  - NDR Kultur

Sehnsucht nach Gemeinschaft

von Agnes Bührig

Die Theater sind zu, die Inszenierungen kommen auf die digitale Bühne. Mit diesem Konzept arbeiten in Zeiten der Corona-Krise viele Häuser. Es werden bereits aufgenommene Inszenierungen neu geschnitten und dem Publikum als gemeinsames Streaming-Erlebnis angeboten, Schauspielerinnen und Schauspieler melden sich über die Plattformen der sozialen Medien zu Wort. Agnes Bührig hat sich digitale Angebote von Theatern aus Hannover angesehen.

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Staatstheatern und freien Theatern bleibt in der Corona-Krise nur die digitale Bühne.

"Ich betrachte die Schollen, die in der Landschaft liegen, in seltsamen Distanzen voneinander entfernt", ist zu Beginn in einer Sprechszene zu hören - Eiszeit im Theater Fensterzurstadt: Per Videostream ist ein Bühnenraum zu sehen, der vollkommen in Weiß getaucht ist. Auch das Verhältnis der Menschen zueinander ist frostig: Sie scheuen die Nähe. "Die Unberührbaren" heißt das Stück, das durch die Coronakrise unerwartete Aktualität erhalten hat. Es geht um den Mangel an Kontakt, sagt Theatermacher Carsten Hentrich:

"Natürlich gibt es das Phänomen, dass in Deutschland immer mehr vereinsamen, grundsätzlich, die Gesellschaft wird immer einzelner. Vielleicht verändert auch - paradoxerweise - das Coronavirus und unsere notgedrungene Kontaktsperre unser Verhältnis dazu. Dass wir nämlich erkennen, wie sehr wir die anderen brauchen. Und die aktuelle Krise wird auch unseren Blick, unser Bewusstsein darauf verändern."

Die Theaterbühne im Videostream

An einer Fassade hängt in schwarzen Buchstaben der Schriftzug Schauspielhaus. © NDR Foto: Julius Matuschik

Digitales Theater in Hannover

NDR Kultur

Abgesagte Vorstellungen allerorten - auch den Theatern in Hannover bleibt nur die digitale Bühne. Wie verändert das die Arbeit miteinander und den Kontakt zum Publikum?

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Um die Vereinzelung in der Krise ein wenig zu mildern, hat das Theater Fensterzurstadt zur Theatervorstellung im virtuellen Raum eingeladen, mit Start zu einer bestimmten Uhrzeit, für alle gleich. Per Internet-Chat können die Zuschauerinnen und Zuschauer gleichzeitig Kommentare abgeben. Doch während des Stückes herrscht erst einmal andächtige Funkstille, hat Theatermacher Jürgen Salzmann beobachtet:

"Man versucht, sich in den Inhalt reinzudenken. Man hat eh schon diese Abstraktion, dass das eigentlich ein Theaterstück ist, aber es ist abgefilmt - man quatscht ja auch nicht während des Theaterstücks groß. Danach ging ja die Resonanz auf das Stück, was sich normalerweise auf's Applaudieren beschränkt oder auf die Einzelgespräche im Foyer, noch ein bisschen hin und her. Es gab schöne Feedbacks und dafür fand ich das Format erstmal ganz gut."

Erschwerte Zusammenarbeit und eine andere Resonanz

Auch beim Schauspiel Hannover meldet sich das Ensemble mit Hilfe der sozialen Medien. Unter dem Hashtag #wieesgewesenwäre sieht man Schauspielerinnen und Schauspieler Musik machen, durch die Stadt laufen oder Monologe aufführen: "Läuft eine Schnecke mit einem blauen Auge über den Waldboden ..." - Fabian Felix Dott sitzt zu Hause vor einer Kamera und klebt sich Pilze ins Gesicht. Dazu sinniert der Schauspieler darüber, dass er seine Maskenbildnerin der Vorstellung "The Männy" vermisst: "Was mir einfach gerade in dieser Situation auffällt ist, dass die Arbeit sehr vom Miteinander abhängt, also mit anderen Menschen, von den Beziehungen, von den Ensembles und von den Regisseur*innen. Dass man gerade am Theater zusammenarbeitet und eben nicht allein."

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Die Intendantin des Staatstheaters Hannover Sonja Anders hofft, dass die veränderte Arbeitsweise dazu beiträgt, wieder mehr Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Für die Diskussionsreihe "Senf dazu" schaltet das Schauspiel Hannover Gesprächspartner per Videokonferenz zu, der Briefwechsel zwischen den Dichtern Rilke und Zwetajewa wird als Lesung ausgestrahlt. Entwickelt wurde zudem eine Podcastreihe: In "Theater. Thesen. Träume." geht es um aktuelle Fragen des Seins. Die Schaubühne wird zur Hörbühne - und zur Experimentierbühne. Denn die Krise schafft auch Raum für Neues, nicht zuletzt durch eine veränderte Arbeitsweise, sagt Intendantin Sonja Anders:

"Ich glaube schon, dass man auf eine gewisse Weise, obwohl man sich dem beschleunigten Medium unterordnet, auch wieder entschleunigter miteinander umgeht. Das ist schon etwas, was erstmal zumindest einen Einfluss haben wird. Und meine Hoffnung wäre, dass wir auch diese Gemeinsamkeit, die wir innerhalb unseres Alltags eigentlich oft gar nicht so leben können, dass wir die vielleicht noch ein bisschen mehr wiederentdecken."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.04.2020 | 16:20 Uhr