Joseph Beuys auf dem Grünen Parteitag 1982 © picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose

Joseph Beuys als Politiker

Stand: 11.05.2021 17:30 Uhr

In unserer Reihe zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys beleuchten wir viele Facetten des Menschen und Künstlers. Auch sein Engagement in der Politik soll zur Sprache kommen.

Joseph Beuys auf dem Grünen Parteitag 1982 © picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose
Beitrag anhören 5 Min

von Jürgen Werth

"Ich bin ja kein Mensch, der sich gern so einem Extrem zuwendet. Ich bin weder optimistisch, noch pessimistisch. Das heißt, ich versuche, die Sache sachlich, von der Sache her weiterzuentwickeln," so Beuys. So versuchte er einmal, das Wetter zu beeinflussen - durch seinen Gesang. 1982, als er für die Sonne auftrat und gegen Ronald Reagan und sein Atelier eintauschte gegen einen Platz vor den Massen.

Begonnen aber hatte die politische Karriere Beuys mit der Gründung der Deutschen Studentenpartei am 21. Juni 1967. Briefe an die ruhmreiche Schwester-Organisation in Berlin, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), mit dem der Name Rudi Dutschke verbunden war, diese Briefe blieben unbeantwortet.

Beuys verliert Tätigkeit in der Düsseldorfer Kunsthochschule

Mangels Masse verwandelt Beuys die Partei in das "Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung". Beuys sagte dazu: "Freie Volksabstimmung und Selbstbestimmung. Man muss die Menschen ja in eine Machtposition hineinorganisieren."

Weitere Informationen
Der deutsche Künstler und Kunstprofessor Joseph Beuys im November 1979. © picture alliance / Dürrwald/dpa Foto: Hans Dürrwald

Joseph Beuys: Zum 100. Geburtstag des Aktionskünstlers

Bekannt wurde er für seine Kunstaktionen und plastischen Werke aus Filz oder Fett. Am 12. Mai wäre er 100 Jahre geworden. mehr

Am Abend des 21. Februar 1973 die Bewährungsprobe: 54 Studenten besetzen zusammen mit Beuys das Sekretariat der Akademie. Ziel: Auch nicht-immatrikulierten Kunstliebhabern soll der Zugang zum Studium ermöglicht werden. Der Wissenschaftsminister Johannes Rau hebt den Fehdehandschuh auf: "Ich habe, nachdem sich Prof. Beuys nicht entschließen konnte, das Sekretariat zu räumen, daraufhin Herrn Prof. Beuys aus seiner Tätigkeit in der Kunsthochschule und als Landesbediensteter entlassen." Jahre später wird die Kündigung gerichtlich annuliert. Beuys bekommt zwar seine Lehrerlaubnis nicht zurück, darf aber Atelier und Professoren-Titel behalten.

Beuys' Erkenntnis über die Mehrheitsverhältnisse

Revolution ist einmal definiert worden: Wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen. Und? Was passiert, wenn man keine Barrikaden hat, sondern nur Wahlurnen? Kein Problem. "Wir haben erkannt, es hat keinen Sinn mehr, seine Stimme zu delegieren an einen Mann. Wir wollen uns jetzt selbst bestimmen und wollen zur Volksabstimmung schreiten über den Punkt Produktionsmittel zum Beispiel."

Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein? Fragte schon vor 1933 der naive Bertolt Brecht. Joseph Beuys muss gelernt haben, wie einfach das alles geht: "In dem Augenblick, wo die Mehrheit erkannt hat, wo ihre Interessen liegen und wie sie ihre Interessen durchsetzen können, in dem Augenblick werden die Verhältnisse sich ändern."

Ehrenplatz für "Autonomie" im Parteiprogramm

Idealismus und Anarchismus scheinen Hochzeit zu feiern. Wie Marx und Engels mit dem Netzwerk der II. Internationale korrespondierte, so hält Beuys in der linken Hand das Mitgliederverzeichnis und in der rechten einen Globus: "Meine Partei zählt im Augenblick 300 Mitglieder, die außerordentlich aktiv sind. Dazu sehr viele Interessenten in Deutschland. In Düsseldorf erstmal. Dazu muss gesagt werden: im Ausland. Denn dieser Gedanke wurde konzipiert als eine internationale Partei, mit einer - sagen wir - deutschen Sektion, mit einer dänischen, mit einer holländischen, einer französischen."

Weitere Informationen
Graffiti mit dem Porträt von Joseph Beuys © picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann Foto: Karl F. Schöfmann

Joseph Beuys zum 100. Geburtstag: "Jeder kann Künstler sein"

Beuys' Markenzeichen waren der Filzhut und seine Anglerweste. Am 12. Mai wäre der Künstler, der die Kunstwelt erneuert hat, 100 Jahre geworden. mehr

Im Parteiprogramm hat ein Begriff seinen Ehrenplatz eingenommen: "Autonomie". Das Zauberwort steht an der Spitze der Agenda: Selbstverwaltung also: "Die Autonomie der Universitäten, die Autonomie des Schulwesens, die Selbstverwaltung jeder kulturellen Instanz. Das würde eine Folge haben, dass es sich ausbreiten müsste auf das Wirtschaftsleben."

Beuys verabschiedet sich vom Begriff des Politischen

So nimmt die Befreiung vom Atelier ihren Ausgang - und bahnt sich ihren Weg bis in die Konzernzentralen. Wie hat der Meister einmal gesagt: "Ich will nicht Kunst in die Politik hineintragen, sondern die Politik zur Kunst machen." Mit der Präzision eines Grabsteins hat Beuys dem Politischen gedient: Vom 21. Juni 1967 bis zum 22. Januar 1983. Dem Tag, als er sich auf einem hinteren Listenplatz der Grünen wiederfand und er als Bundestagskandidat zurücktrat.

Bei einem seiner letzten Auftritte vor seinem Tod, seiner Rede über Deutschland, verabschiedet er sich vom Begriff des Politischen: "Ich will mal den Begriff des Politischen ganz herausnehmen, da er sich mir als ein immer fatalerer, unbrauchbarerer herausstellt.

Kritik an der Berliner Mauer - aus ästhetischen Gründen

Was waren das noch für Zeiten, als er Kampflieder gesungen hatte. Eine politische Attacke hat sich Joseph Beuys nicht nehmen lassen. Immer hat ihn etwas an der Berliner Mauer gestört. Nur was? Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Auf der Stelle protestierte er bei den zuständigen Behörden der Deutschen Demokratischen Republik: Die Mauer müsse unbedingt erhöht werden! Um fünf Zentimeter! Und zwar aus ästhetischen Gründen.

 

Weitere Informationen
Das Archivbild vom 19.02.1982 zeigt den Künstler Joseph Beuys in Bonn. © picture-alliance / DPA Foto: Peter Popp

Schamanismus und Anthroposophie: Die Denkmuster von Joseph Beuys

Der Aktionskünstler wollte die Kunst revolutionieren und öffnen. Seine Sichtweisen wurzeln in der Anthroposophie Rudolf Steiners. mehr

Der Autor und Regisseur Andres Veiel  Foto: Arno Declair

Andres Veiel entdeckt Neues von Joseph Beuys

Joseph Beuys hat die Kunstszene aufgemischt und damit in der Gesellschaft provoziert. Der Regisseur Andres Veiel porträtiert den Künstler in einem Dokumentarfilm. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.05.2021 | 18:00 Uhr