Stand: 06.06.2018 09:19 Uhr

Anton Corbijn: Der Fotograf der Musiker

von Andrea Schwyzer

Seit über 40 Jahren porträtiert Anton Corbijn Musiker und Bands wie Depeche Mode, U2, Herbert Grönemeyer und Tom Waits - und prägt mit seinen Bildern ihr Image. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg widmet dem niederländischen Fotografen nun im Rahmen der Triennale der Photographie eine eigene Schau: "Anton Corbijn. The Living and the Dead". Gezeigt werden rund 120 Werke, darunter bisher unveröffentlichte Fotografien, freie Arbeiten und natürlich viele bekannte Gesichter aus dem Musikgeschäft.

Luciano Pavarotti mit wirrem Haar, dicken, schwarzen Augenbrauen, den Betrachter fixierend. Er scheint im Begriff etwas zu sagen, die Zähne zusammengepresst. Auf diesem leicht verschwommenen Foto könnte der Startenor glatt als wild gewordener Sträfling durchgehen.

Michael Stipe, Sänger von REM, im Meer vor Miami: bis zu den Schultern im Wasser, Augen geschlossen, Mund leicht geöffnet - als hätte er gerade eine Eingebung. Und diese ältere, englische Adelige, mit den scharf gezeichneten dunklen Lippen, den fönfrisierten Haaren und dem herausfordernden Blick ist in Wahrheit Mick Jagger in Frauenkleidern.

Der Fotograf, der Künstler prägte

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In der Ausstellung kommen die Besucher ihren Pop-Idolen, wie hier Captain Beefheart und David Bowie, ganz nah.

Mit Fotografien wie diesen prägte der Niederländer Anton Corbijn das Image von Stars wie David Bowie, Tom Waits oder Bono, sagt Kurator Franz Wilhelm Kaiser: "Diese unglamouröse Darstellung von Musikern war total neu. Das ist sein Stil und den hat er da reingebracht und das fanden die Musiker toll. Darin haben sie sich wiedererkannt."

Die ländliche Gegend in Südholland, in der Corbijn 1955 geboren wurde und aufgewachsen ist, wurde ihm schnell zu öde, das christlich geprägte Elternhaus zu eng. Sein Vater war Pastor. Corbijn flüchtete sich in die Musik. wollte unbedingt Teil dieser Welt sein - und fand eher zufällig durch die Fotokamera Zugang zu ihr.

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Zur rechten Zeit am rechten Ort: Diese Aufnahme von Joy Division wurde durch den Selbstmord des Sängers Ian Curtis wenig später zur Ikone.

Mit Anfang 20 machte ihn eine Aufnahme der Band Joy Division berühmt: "Die hatten gerade ihr Album "Unknown Pleasures" rausgebracht und er dachte, "wenn ich die von hinten fotografiere und einer guckt sich um, dann gehen die jetzt irgendwo hin zu 'unknown pleasures'", das war so seine Idee", erklärt Kaiser und ergänzt: "Hätte natürlich niemand kapiert. Aber dann hat der Ian Curtis sich ein paar Monate später umgebracht, und dann bekam das eine total andere Bedeutung, dieses Zurückgucken. Dann wurde das Foto schnell berühmt - ikonisch."

Corbijn als Lennon oder Joplin in Südholland

Seine Fotografien offenbaren das wahre Wesen der Musiker - zumindest geben sie das vor. So kommt man in der Ausstellung vielen Berühmtheiten scheinbar nah. Die Schau "The Living and the Dead" will aber mehr: Es wird an der glamourösen Oberfläche gekratzt, etwa mit der gezeigten Serie "a. somebody" - eine freie Arbeit des heute 63-jährigen Niederländers. Corbijn verkleidete sich als Bob Marley, als John Lennon, Frank Zappa, Janis Joplin - alles bereits verstorbene Musiker - und fotografierte sich so in der Landschaft seiner Kindheit. Täuschend echt etwa Corbijns Version von George Harrison mit Pilzfrisur, eng stehender Sonnenbrille und Kippe im Mund.

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Das Bild "Heaven" zeigt eine Collage von Fotos, auf denen sich Corbijn selbst als seine toten Pop-Idole verkleidet und fotografiert hat.

"Er sagt selbst, das war eine Selbsterforschung über die beiden Obsessionen, die sein Leben am stärksten beeinflussten", erklärt Kaiser: "Nämlich die Obsessionen seiner Eltern mit dem Leben nach dem Tod und seine Obsession für die Musikwelt. Über die beiden Dinge wollte er mal rausfinden, was das für ihn bedeutet."

"Bei Corbijn ist miteinander verbunden, was in unserer Wahrnehmung selten zusammenkommt", ergänzt der Museumsdirektor: die oberflächliche Welt der Stars und die essentiellen Fragen des Lebens. Damit ist die Schau nicht einfach nur ein Streifzug durch die Musikwelt der letzten vier Jahrzehnte. Sie konfrontiert uns vor allem auch mit der Vergänglichkeit des Seins.

Anton Corbijn - wichtige Stationen

Der Regisseur Anton Corbijn

Der niederländische Regisseur und Fotograf Anton Corbijn wurde am 20. Mai 1955 geboren. Bekannt wurde er zunächst für seine Arbeit als Fotograf - er lichtete Pop- und Rockgrößen wie die Rolling Stones, Bon Jovi oder Frank Sinatra ab. Außerdem gestaltete er Plattencover unter anderem für die Bee Gees, Herbert Grönemeyer und Metallica. Nachdem er bei zahlreichen Musikvideos Regie geführt hatte, lief 2008 sein erster Spielfilm: "Control". "The American" mit George Clooney stammt ebenfalls von Corbijn. 2013 kam der in Hamburg gedrehte Thriller "A Most Wanted Man" ins Kino. 2015 hat Corbijn seinen ersten Werbespot gedreht: Mit Natalie Portman für einen großen französischen Modekonzern. Ebenfalls 2015 erschien sein Film "Life" über die letzten Tage von James Dean mit Robert Pattinson und Dane DeHaan.

Anton Corbijn: Der Fotograf der Musiker

Mit "Anton Corbijn. The Living and the Dead" zeigt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg rund 120 Werke des Niederländers - darunter auch bisher unveröffentlichte Fotografien.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2
20095  Hamburg
Preis:
9 Euro, ermäßigt 6 Euro. Montags (außer feiertags) gilt ein Einheitspreis von 6 Euro. Kinder bis 18 Jahre freier Eintritt
Öffnungszeiten:
10 bis 19 Uhr
Donnerstags 11 bis 21 Uhr
Kartenverkauf:
buceriuskunstforum.de/tickets
Hinweis:
Künstlergespräch mit Anton Corbijn am 7. Juni von 18 bis 20 Uhr
Danach Signierstunde.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.06.2018 | 07:20 Uhr

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