Szene aus dem Film "Seneca" © Weltkino Filmverleih

"Seneca": John Malkovich als großer Opportunist und Heuchler

Stand: 26.03.2023 18:25 Uhr

Robert Schwentke hat John Malkovich die Rolle für "Seneca" auf den Leib geschrieben. Aber selten hat ein Film so starke Abwehrgefühle ausgelöst. Das Lachen bei makaberen Running Gags bleibt im Halse stecken.

von Walli Müller

Wasser predigen und Wein trinken - dieser Satz stammt zwar nicht von Seneca. Aber der berühmte Römische Philosoph, Dramatiker und Politiker gilt als gutes Beispiel dafür. Denn während er in seinen öffentlichen Reden die Vorzüge des Verzichts pries, führte er privat ein sehr prasserisches Leben - finanziert von Kaiser Nero, dem er seit dem Jahr 49 nach Christus als Hauslehrer und enger Berater zur Seite stand.

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Mann und Frau sitzen am Tisch und trinken Tee. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Senecas Lehren versagen bei Nero

Als Lehrmeister eines künftig großen Herrschers ist es Senecas Philosophie, diesem Milde und Mitgefühl für seine Untertanen beizubringen. Man könnte sagen, Seneca hat sich redlich bemüht, aber grandios versagt. Denn sein Zögling, Kaiser Nero, wird als brutaler, mitleidloser Tyrann in die Geschichte Roms eingehen und jeden, dessen Nase ihm nicht mehr gefällt, einen Kopf kürzer machen lassen. Nur Seneca lebt, fürstlich entlohnt vom Kaiser, in Saus und Braus. Die Upper-class Roms verehrt ihn als begnadeten Rhetoriker und großen Philosophen. Und selbstverständlich weiß er auch, seinen eigenen Opportunismus schönzureden:

"Hätte ich den Senat verlassen und meinen Posten als philosophischer Berater des Präsidenten aufgekündigt, Nero wäre ein noch weit schlimmerer Präsident gewesen und Rom wäre noch weit schlimmerem Missbrauch ausgesetzt worden." Filmszene

John Malkovichs Rolle auf den Leib geschrieben

Szene aus dem Film "Seneca" © Weltkino Filmverleih
John Malkovich lässt hinter dem brillanten Redner auch die abgründige Seite Senecas durchscheinen.

Kein Despot auf dieser Welt ohne die Speichellecker um ihn herum: Das ist das Zeitlose an der Geschichte, das Regisseur Robert Schwentke interessierte. Seneca ist für ihn der Prototyp des Kollaborateurs und Opportunisten, der einem menschenverachtenden Tyrannen zur Legitimität verhilft. Dass Nero hier "Präsident" genannt wird, ist ein Verweis auf seine Nachfolger in modernen politischen Systemen. Die Antike dient also als Blaupause fürs Heute.

John Malkovich, dem Schwentke das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat, liebt waghalsige Auftritte. Und er lässt gekonnt hinter dem brillanten, spitzzüngigen Redner auch die abgründige Seite Senecas durchscheinen. Seine wahre Meinung über die Schreckens-Herrschaft Neros verpackt er in grotesk grausamen Theaterstücken, die in der Realität wohl nie aufgeführt wurden. Im Film aber muss sich zumindest eine Handvoll Freunde anschauen, wie zwei Sklaven-Kinder auf offener Freiluft-Bühne ganz real niedergemetzelt werden! Schwer zu ertragende Bilder - fürs Publikum im Kino - wie im Film.

Seneca: Ein epochaler Heuchler

Schwentke sieht seinen Film als Satire. Aber das Lachen vergeht einem dabei schnell. Denn eines Tages geht es auch Seneca selbst an den Kragen - und nun wird er beweisen müssen, was von seiner stoischen Theorie übrig bleibt. Der grimmig dreinblickende Soldat des Kaisers, der an seine Tür hämmert, macht ihm dann doch ein wenig Angst. Denn nun gibt es kein Herausreden mehr:

"Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass Präsident Nero beschieden hat, dass Sie hingerichtet werden sollen, weil Sie die Verschwörung, ihn zu ermorden, angeführt haben. Und er hat persönlich zu mir gesagt, dass er Ihnen ein ganz besonderes Geschenk machen will. Sie dürfen sich selbst das Leben nehmen." Filmszene

Wenn das mal nur so leicht wäre! Senecas missglückenden Suizid-Versuche werden im Folgenden zu einem sehr langen, sehr unlustigen Running Gag breitgetreten.

Letzte Selbstinszenierung wird zur Zumutung fürs Publikum

Eine letzte Selbstinszenierung des Mannes, die zur Zumutung fürs Publikum wird. Irgendwann weiß man nicht mehr, was man schlimmer findet: Die längs aufgeschnittenen Pulsadern oder das endlose Gelaber des Mannes, dem man nur noch einen schnellen Tod wünscht. Immerhin kann man sagen, dass selten ein Film so starke Abwehrgefühle auslöst. Als großer Philosoph bleibt Seneca hier nicht in Erinnerung, eher als epochaler Heuchler.

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Seneca

Genre:
Tragikomödie
Produktionsjahr:
2023
Produktionsland:
Deutschland | Marokko
Zusatzinfo:
Mit John Malkovich, Tom Xander, Geraldine Chaplin u.a.
Regie:
Robert Schwentke
Länge:
112 Minuten
FSK:
ab 16 Jahre
Kinostart:
23. März 2023

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 22.03.2023 | 17:30 Uhr

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