Stand: 05.10.2022 07:31 Uhr

"In einem Land, das es nicht mehr gibt": Coming-of-Age in der DDR

von Anna Wollner

Aelrun Goette erzählt in dem Film ihre eigene Geschichte in der DDR. Sie thematisiert die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstverwirklichung dramaturgisch manchmal etwas zu didaktisch und klischeehaft.

Es klingt nach dem Traum vieler junger Frauen: Die junge Susi wird zufällig auf der Straße fotografiert, das Foto landet in der berühmtesten Modezeitung des Landes - eine Karriere als Model steht ihr bevor. Allerdings ist das Land, in dem Susi lebt, die DDR und durch das Foto wird ihr der Weg zum Abitur verbaut.

Zufallsbegegnung bringt Susi in die Modezeitschrift "Sybille"

Es ist eine von vielen schicksalhaften Begegnungen in Aelrun Goettes "In einem Land, das es nicht mehr gibt". 1989 wird die 18-jährige Susi in Ostberlin mit dem Buch "1984" und einem "Schwerter zu Pflugscharen"-Aufnäher von der Polizei erwischt, vom Abitur freigestellt und zur Arbeit in einem Kabelwerk verdonnert, um dort ihren Beitrag zur sozialistischen Gesellschaft zu leisten.

Auf dem Weg dorthin wird sie zufällig in der Straßenbahn von einem jungen Fotografen abgelichtet, ein Schnappschuss, der im Editorial der Modezeitschrift "Sybille" landet, deren Gesicht sie werden soll.

Nachdem sich Susi in der Redaktion gemeldet hat, taucht sie nicht nur in die exquisite Welt der offiziellen Mode der DDR ein, sondern dank ihres Mentors, dem Freigeist und kreativen Kopf Rudi - angelehnt an die DDR-Stilikone Frank Schäfer - vor allem auch in den Modeuntergrund der Stadt, kurz vor dem Mauerfall.

Aelrun Goette erzählt ihre eigene Geschichte in der DDR

"In einem Land, das es nicht mehr gibt" erzählt eine klassische Coming- Of-Age Geschichte. Der Film zeigt den Weg einer jungen Frau, die für sich selbst rausfinden muss, wie weit sie bereit ist zu gehen, um ihre Träume zu realisieren. Es ist die Geschichte der Regisseurin Aelrun Goette selbst, die ein bisschen überhöht und zugespitzt von ihrer eigenen Jugend als Mannequin in der DDR erzählt. Ein historisches Thema mit aktueller Relevanz.

AUDIO: Aelrun Goette über ihren Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" (7 Min)

"Was mir da stark am Herzen lag, war, etwas über diese Freiheit, die Frechheit und die Aufmüpfigkeit der Menschen zu erzählen, über das was in so einer Nische wachsen kann", so Goette. "Wie viele Diktaturen war auch die DDR eine Nischengesellschaft. Das Spannende ist, dass am Ende der 1980er-Jahre schon alles sehr brüchig war, viel auseinanderfiel und die Strukturen aufgeweicht waren. Das schlägt natürlich eine Brücke ins Heute, weil wir uns heute auch mit starken Veränderungen konfrontiert sehen und neu nach unserem Platz, unseren Visionen und Utopien suchen müssen."

Film über die Mode in der DDR, der ins Heute passt

Der Film lebt dabei vor allem von der Mode. Einmal die linientreue Mode der VHB-Exquisit (VHB heißt Volkseigener Handelsbetrieb) mit ihren Modenschauen in Leipzig und das freie, wilde, experimentelle des Undergrounds, in dem Susi sich schnell heimisch fühlt. Es ist alles nicht dokumentarisch, aber immerhin historisch verbürgt und gemeinsam mit der Kostümbildnerin Regina Tiedeken für den Film entworfen, so Goette.

"Das Wesentliche, was uns allen, die an diesem Film arbeiten entscheidend war, war, dass wir uns sehr nah an der Wirklichkeit orientieren", sagt Goette. "Das heißt auch die ganze Kleidung, die Klamotten und die Mode ist nah an dem, was damals in den Achtzigerjahren im Osten in die Exquisit Geschäfte kam. Und dadurch konnte ich mich cineastisch ein bisschen bigger than life bewegen."

"In einem Land das es nicht mehr gibt": Sehnsucht nach Freiheit

Dramaturgisch manchmal etwas zu didaktisch und sich in Klischees verlierend, thematisiert der Film die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstverwirklichung, gibt Einblicke in eine Szene, die im Spielfilm bisher so noch nicht gezeigt wurde. Ein Film über die Mode in der DDR, der perfekt ins Heute passt.

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"In einem Land, das es nicht mehr gibt"

Genre:
Drama | Historie
Produktionsjahr:
2022
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Mit Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen u.v.a.
Regie:
Aelrun Goette
Länge:
100 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
ab 6. Oktober 2022

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 05.10.2022 | 07:55 Uhr

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Zeitgeschichte

DDR

Spielfilm

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