Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?

Stand: 03.07.2021 09:34 Uhr

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Journalist Mohamed Amjahid diskutieren über Identitätspolitik.

von Lennart Herberhold

Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft? "Meine Identität ist vielfältig. Ich bin nicht nur, wie ich gelegentlich abgekanzelt werde, ein alter weißer Mann", sagt Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident.

"Ich würde tauschen mit Herrn Thierse, um ganz ehrlich zu sein. Dann gebe ich ihm gerne den Ziegenficker und den Kanaken und das Ölauge und was es nicht alles gibt und nehme den alten weißen Mann", entgegnet Mohamed Amjahid, Autor und Journalist.

Wird aus Miteinander ein Gegeneinander?

Zwei Menschen, die über Bezeichnungen streiten. Wer darf wen wie nennen? Wie sollten Mehrheiten und Minderheiten miteinander umgehen? Darum geht es in der so genannten linken Identitätspolitik.

Ihre Vertreter kämpfen für mehr Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung. Soweit, so gut. Trotzdem heißt es: Identitätspolitik spaltet, sei ein Gift für die Gesellschaft. Ein Grund: Der Ton wird rauer. Wolfgang Thierse zum Beispiel beklagt, dass die deutsche Kultur von einigen Vertretern der linken Identitätspolitik verdächtigt wird, kolonial durchtränkt zu sein. Er versteht das als Kampfansage, die eben nicht zu einem Miteinander, sondern vielmehr zu einem Gegeneinander führt. Er sagt: Wer die Mehrheit zu heftig kritisiert, vergrault sie. Und ohne Mehrheit funktioniert Politik nicht.

Gehört werden - aber wie lange noch?

Wolfgang Thierse © picture alliance/dpa | Christoph Soeder Foto:  Christoph Soeder
Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages.

Mohamed Amjahid hingegen spürt am eigenen Leib immer noch strukturellen Rassismus. Seiner Meinung nach wird nicht erst seit Kurzem in diesem Land über Rassismus gesprochen, aber nun werden Menschen wie er auch gehört, was - so Amjahid - viele nicht begrüßen.

Seine Sorge: Das die emanzipatorischen Errungenschaften für Minderheiten wieder verloren gehen können. Abgrenzungsversuche werden somit härter, auch der Ton wird rauer. Und sicherlich bringt uns das nicht näher zueinander. Mehr Empathie, mehr einander zuhören, mehr Verständnis von beiden Seiten - das wäre wahrscheinlich hilfreicher.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 09.08.2021 | 22:45 Uhr

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