Stand: 20.04.2020 14:35 Uhr

Paul Celan - pathetisch, irritierend und unschätzbar

von Alexander Solloch

Man nimmt an, dass es am 20. April vor genau 50 Jahren war, als ein großes Dichterleben zu Ende ging. Paul Celan sprang in seiner Wahlheimat Paris in die Seine. Ein paar Tage später, am 1. Mai 1970, wurde seine Leiche gefunden. Ein großer Verlust für die deutschsprachige Literatur, wie auch sein knapp 50-jähriges Leben ein unschätzbarer Gewinn war für die Dichtkunst.

Paul Celan, geboren als Paul Antschel 1920 am östlichen Rand des gerade untergegangenen Habsburgerreichs, schuf die Zeilen der "Todesfuge" kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Grabinschrift, mehr noch: als Grab für seine Mutter. "Sie hat nur dieses eine", sagte er. Friederike Antschel und Pauls Vater, Leo Antschel, deutschsprachige Juden in der Bukowina, waren von Nazischergen in einem ukrainischen Lager umgebracht worden.

Paul Celans pathetischer Gesang irritiert

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Der Lyriker Paul Celan steht mit seiner Frau Gisèle Lestrange vor einem Bild der Grafikerin © picture alliance/Imagno

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Die ungeheuer suggestive Sprache des Gedichts aber, sagt Celans Biograph Helmut Böttiger, schien Celan selbst zunehmend fragwürdig, er empfand sie bald als "lesebuchreif gedroschen": "Er hat dann gemerkt, die Deutschen können dieses Gedicht schön finden, und indem sie das schön finden können, obwohl es das Grauen in den Konzentrationslagern, den Massenmord beschreibt, können sie sich auch von ihrer Schuld entlasten. Sie können ihr Gewissen beruhigen, weil sie das Gedicht schön finden können. Und deswegen hat er die öffentliche Lesung dieses Gedichts in der Bundesrepublik eigentlich immer zu verhindern versucht."

Interessant an der Lesung seines Freundes Milo Dor ist die wohlbedachte Nüchternheit des Sprechers. Celan selbst hat viele Zuhörer mit seiner künstlich wirkenden Vortragsweise, pathetischem Gesang, der nach dem großen Geschichtsbruch ganz unzeitgemäß schien, irritiert, ja entsetzt: "Es ist der Burgtheaterton", sagt Böttiger und ergänzt: "Es ist der Ton, in dem vor allem der berühmte Schauspieler Alexander Moissi in seiner Zeit Gedichte und Theaterszenen vorgetragen hat. Es gibt Aufnahmen von Alexander Moissi, seine wenigen Schallplattenaufnahmen, wenn man die mit diesen Aufnahmen von Celan vom NWDR 1952 vergleicht, das ist fast zum Verwechseln."

Trauer und Selbstzweifel

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Zwei Bücher über Paul Celan © Galiani Berlin / Wallstein Verlag

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Das aber ist keine bloße Formfrage - das ist der hörbare Riss zwischen Paul Celan und seinen vermeintlichen Verbündeten. Die nämlich, die ihm zur Seite stehen wollten im Kampf für die Erinnerung an die deutschen Verbrechen (Heinrich Böll etwa oder auch Günter Grass), stieß er zurück, bezeichnete sie als "Zeitungsleser" und "Fußballspieler", schlimme Schmähungen in Celans Kosmos. Er zelebrierte die reine Kunst und fühlte sich zu jenen hingezogen, mit denen er sich da eins zu fühlen meinte, obwohl sie Antisemiten waren, Ernst Jünger etwa oder Martin Heidegger.

Celan war innerlich zerrissen, genoss zwar die vielen Huldigungen des bundesdeutschen Literaturbetriebs, war aber weitaus empfänglicher für jedes böse Wort, zog sich zurück, trauerte, warf sich sein Überleben vor und verzieh sich nicht, dass er die Mutter nicht hatte retten können. Paul Celan ging in den Tod, als er die Sprache verlor. In seinem Taschenkalender für das Jahr 1970 steht unter dem Datum 19. April nur ein Eintrag auf Französisch: "Départ Paul - Abgang Paul".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.04.2020 | 07:20 Uhr

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