Stand: 30.12.2021 14:11 Uhr

"Königin des Nordens": Regisseurin Sieling über Margarethe I.

Regisseurin Charlotte Sieling hat mit dem Historiendrama "Die Königin des Nordens" die teuerste dänische Kino-Koproduktion aller Zeiten gedreht. Ein Gespräch über die Entstehung des Films und die Filmpremiere in Kopenhagen mit der dänischen Königin.

Die dänische Regisseurin Charlotte Sieling hat viel fürs Fernsehen in Skandinavien und in den USA gearbeitet. Die 62-Jährige hat etwa die emmyprämierte Serie "Die Brücke" mitkonzipiert und in der BAFTA-prämierten Serie "Borgen - Gefährliche Seilschaften" in einigen Episoden die Regie geführt. Sie begann ihre Karriere als Schauspielerin und wechselte erst später ins Regiefach. Sieling inszenierte auch Folgen der Serien "The Killing" und "Homeland". Bei den Nordischen Filmtagen im November sprach die Regisseurin mit NDR Kultur.

Welche Ihrer Arbeiten kennt man bislang im Fernsehen?

Regisseurin Charlotte Sieling (von links), Trine Dyrholm und Produzent Lars Bjørn Hansen von "Margrete - Queen of the North" bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2021 © NDR Foto: Patricia Batlle
Regisseurin Charlotte Sieling (von links), Trine Dyrholm und Produzent Lars Bjørn Hansen von "Margrete - Queen of the North" bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2021

Charlotte Sieling: "Die Brücke" war sozusagen mein "Baby", ich habe die ersten vier Folgen inszeniert und habe die Serie auch mit in die USA genommen, wo sie neu verfilmt wurde. Ich habe auch für die Show "Unit One - Die Spezialisten" einen Emmy bekommen, allerdings schon vor 20 Jahren! Wir sind oft für Emmys und Baftas nominiert worden.

Sie sind für für "Königin des Nordens" vom Fernsehen ins Kino gewechselt. Wie kam es dazu?

Sieling: Ich habe vor dieser Produktion zwei Filme in Dänemark inszeniert, dann war ich acht Jahre in den USA und bin für viele Fernsehshows hin- und hergewechselt. Die letzte war für den Sender HBO, "Lovecraft Country". Eine einzelne Folge davon kostete das anderthalbfache Budget von "Königin des Nordens". Wir begannen vor zehn Jahren, an diesem Film zu arbeiten. Wir dachten, die Menschen hier im Norden würden gern die Stimme und das Gesicht dieser Frau sehen, die vor 600 Jahren gelebt hat. Sie war so mächtig - und hat ihre Macht nicht zum Töten und für den Krieg genutzt, sondern als Diplomatin und fabelhafte strategische Verhandlerin, um Frieden zu stiften. Sie hat es verstanden, so ein großes Gebiet wie Skandinavien zu beherrschen. Das Dänische Filminstitut hat uns dann vor wenigen Jahren grünes Licht für das große Projekt gegeben, weil es in der heutigen Zeit wichtig ist, mächtige Frauen zu zeigen. Und sie haben mir zugetraut, so ein großes Projekt zu schultern.

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Trine Dyrholm als Margrete in einer Szene des Filmes "Die Königin des Nordens". © Zuzana Panská / SF Studios

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Was genau hat Margarethe I. so besonders gemacht?

Sieling: Sie war eine außergewöhnliche Frau, sie hat so viel erreicht! Sie hat für 126 Jahre in der Kalmarer Union Frieden geschaffen. Bereits in der Zeit ihrer Regentschaft herrschte Frieden in Dänemark, Norwegen und Schweden. Sie hat 1397 diese Union geformt, die bis 1523 hielt, als Schweden die Union verließ. Es ist schwierig zu verstehen, wie sie das erreicht hat - das macht sie interessant für uns. Nun kann sie mit einer modernen Stimme erzählen, wer sie war, was sie bewegt hat. Ich finde es viel spannender, dass sie und die Menschen um sie herum möglichst real erscheinen, als genau historisch korrekt zu erzählen.

Wie hat diese Königin den Weg in Ihr Leben gefunden?

Sieling: Ich habe vor zehn Jahren das Skript einer Norwegerin über das Leben Margarethes gelesen, seitdem hat mich das Thema nicht losgelassen. Jenes Skript war allerdings eher für eine mehrteilige Verfilmung geeignet. Aber das Thema hat mich nicht losgelassen. Wenn ein Thema dich erst einmal bei den Emotionen, beim Herzen packt, bleibt es immer da. Und für mich war dieses Thema ein ganz persönliches, es ging nicht um eine seit 600 Jahren tote Frau. Ich bin mit diesem Thema auf einer Reise - mit meiner Crew, dem Filmteam, all meinen Leuten. Ich bin auch großer Fan von Shakespeare, und als wir diesen prägnanten Moment von Margarethes Geschichte gefunden haben, haben wir das Unterhaltsame darin gesehen, das sich als Popcorn-Kino eignet!

Sie haben in der Tschechischen Republik gedreht, zehn Tage vor Drehschluss brach die Corona-Pandemie in Europa und aufs Filmset ein. Sie mussten teuer nachfinanzieren, um das Projekt am Leben zu erhalten - mit all den Stuntleuten, Schauspielerinnen und Schauspielern, mit Pferden, Jagdfalken, Kostümen - unter Corona-Drehbedingungen. Wie sind Sie mit der heiklen Finanzierung umgegangen?

Sieling: Daran denke ich nie. Es geht mir nur um die Geschichte. Egal, ob das Budget klein oder groß ist, das Wichtigste ist der Schreibprozess. Die Produzentinnen und Produzenten gehen Schritt für Schritt mit, so geht es geht Stück für Stück voran. Es ist eine fortlaufende Entwicklung. Ich bin zum Glück kein furchtsamer Mensch. Die Angst tritt später ein, wenn der Film fertig ist: 'Werden die Menschen den Film mögen?' Aber beim Projektentwickeln, Schreiben und Drehen bin ich meiner Sache sehr sicher.

Wie sind Sie mit dem Film bei der Premiere im November bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck empfangen worden?

Sieling: Großartig! Wir hatten zuerst die Premiere in Kopenhagen und danach in Island. In Island sind die Leute nach der Vorführung aufgestanden und haben gejubelt und geklatscht. Das war in Lübeck eine Nummer zurückhaltender. Nach der Vorführung sind aber viele Besucherinnen und Besucher zu mir gekommen und wollten zum Film gratulieren und haben viele Fragen gestellt. Daran habe ich gespürt, die Menschen mögen das Thema. Und das ist genau mein Ding, eine Verbindung zu vielen Menschen herzustellen. Ich liebe volle Kinosäle.

Die Kopenhagener Premiere soll außergewöhnlich gewesen sein, haben Sie in Lübeck erzählt. Warum?

Sieling: Margrethe II. war bei der Premiere. Das ist allein deswegen außerordentlich, weil sie sonst nie auf Filmpremieren geht. Sie liebt das Theater, ich selbst war zehn Jahre als Schauspielerin am Königlichen Theater in Kopenhagen, also habe ich mich schon oft für sie verbeugt. Wir hatten sie zur Filmpremiere eingeladen und wahrscheinlich ist sie aus Höflichkeit gekommen. Margrethe II. hat sich nach Margarethe I. benannt. Das ist besonders, weil Margarethe I. keine dänische, sondern eine norwegische Königin war. Als Margrethe II. mit 35 Jahren gekrönt wurde, hat sie gesagt, sie benenne sich nach Margarethe I., denn diese habe eine Union erschaffen.

Hatten Sie von Anfang an Trine Dyrholm im Kopf für die Hauptrolle?

Sieling: Nein, das hat sich über die Zeit ergeben, wir haben uns zufällig kennengelernt. Wir verlangen einander viel ab.

Sie hat eine ungeheure Präsenz und ist in fast jeder Szene zu sehen, füllt die Perücken und diese tollen Gewänder ganz selbstverständlich. Hat sie eine besondere Maske fürs Gesicht gebraucht?

Trine Dyrholm, dänische Schauspielerin (mitte)  bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2021 © NDR Foto: Patricia Batlle
Trine Dyrholm (mitte) erzählt in Lübeck, wie sie ihre Angst vor Pferden für die Dreharbeiten überwinden musste.

Sieling: Interessant, dass Sie das fragen. Nein, Trine hat etwas, das ich ihre 14 Gesichter nenne. Sie könnte nie etwas an ihrem Gesicht chirurgisch ändern lassen, denn sie hat 14 verschiedene Gesichter und macht dies alles von innen heraus. Sie sieht dabei jedes Mal anders aus, sie hat so ein tiefes Verständnis von Menschlichkeit, von Gefühlen. Von Einsamkeit und Schmerz. Das zeichnet auch viele Menschen in Machtpositionen aus. Es war eine tolle Zusammenarbeit mit Trine.

Glauben Sie, dass eine Fernsehshow wie "Game of Thrones" das Interesse für historische Filme wie diesen - oder jüngst für Ridley Scotts Mittelalterdrama "The Last Duel" - neu entfacht hat?

Sieling: Absolut! Es ist das Abenteuer. Ich liebe es auch, mit meinen erwachsenen Kindern an einem Montagabend "Game of Thrones" zu schauen. Als wir mit "Königin des Nordens" begonnen haben, habe ich aber darauf bestanden, dass es auf keinen Fall wie Fantasy aussehen darf. Die Gefahr besteht natürlich, weil sich jene Show so viel Visuelles aus dem Mittelalter genommen hat. Aber wir hatten ein vernünftiges Budget und konnten selbst etwas Tolles erschaffen. Tatsächlich stehen wir Produktionen uns quasi gegenseitig abwechselnd auf den Schultern der anderen. Das hilft am Ende allen.

Das Gespräch führte Patricia Batlle.

"Die Königin des Nordens ist am 30. Dezember in den deutschen Kinos angelaufen. Es ist eine Koproduktion der Länder Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, Polen und der Tschechischen Republik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 30.12.2021 | 07:40 Uhr

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