Stand: 08.07.2020 15:04 Uhr  - NDR Info

Filmförderung Hamburg führt Diversity Checklist ein

von Walli Müller
Maria Furtwängler setzt sich mit der Malisa Stiftung für Gleichberechtigung ein. Im Göttinger Tatort ermittelt sie als Charlotte Lindholm gemeinsam mit Florence Kasumba als Anaïs Schmitz.

Die Filmbranche muss sich einiges an Vorwürfen gefallen lassen: Wenig interessante Frauen-Figuren, nur Klischee-Rollen für Schwarze, Oscar-Nominierungen exklusiv für männliche Regisseure. Jahrzehntelang hat man wenig unternommen, um eine vielfältige Gesellschaft abzubilden. Das aber soll sich endlich ändern. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat einen Diversity-Fragebogen eingeführt.

Wenn in Deutschland ein Krimi gedreht wird, dann ist der Regisseur häufig ein Mann, die Kommissarin gerne schon mal weiblich und die Gangster in der Regel deutsche Schauspieler mit Migrationshintergrund. Einmal nicht den Drogen-Dealer oder Schwarzarbeiter zu spielen - ein unerfüllter Traum für viele türkisch-, arabisch- oder osteuropäisch-stämmige Schauspieler. Die Schauspielerinnen rutschen häufig in die Rolle der unterdrückten Frau.

Checkliste der Filmförderung fragt Vielfalt ab

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Direkt an eine Quote gebunden ist eine Unterstützung durch die Filmförderung Hamburg laut Geschäftsführer Helge Albers nicht.

Das müsse sich ändern, denn wenn das Kino überleben will, dann brauche es ein jüngeres Publikum, sagt Helge Albers, der Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. "Die wachsen in einer Welt auf, die 25 Prozent Migrationsanteil hat. Das ist ein Fakt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen und der auch filmisch reflektiert werden kann", sagt Albers. "Da ist nichts Dogmatisches dabei, sondern ich seh da eher die Chance, interessante, spannende neue Filme und Erzählformen zu entdecken."

Auf der neu eingeführten Diversity-Checklist wird nun beispielsweise abgefragt, ob der Film sich thematisch mit Geschlechterrollen, Migration oder sexuellen Identitäten befasst und welche Ansätze es gibt, "durch die Besetzung klischeehafte Rollenbilder zu vermeiden".

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Ausdrücklich erwünscht sind bei der Filmförderung Produktionen, in denen Alt und Jung, Weiße und "People of Color", Heterosexuelle und Homosexuelle und Menschen mit und ohne Behinderung so selbstverständlich vorkommen, wie in unserer doch sehr bunten Realität.

Leuchtendes Vorbild wären demnach "Die Goldfische". Eine rotzfreche Komödie, in der eine Schauspielerin mit Down-Syndrom eine sensationell witzige Shopping-Orgie in einer Luxus-Boutique hinlegt. Der Regisseur Alireza Golafshan ist Deutscher mit iranischen Wurzeln. Auch das würde sich gut machen im Fragebogen der Filmförderung, weil dieser auch nach Diversität hinter der Kamera fragt.

Diversität hinter der Kamera wirkt sich auf die Vielfalt vor der Kamera aus

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Das Team von "Once Upon A Time in Hollywood" bei den Golden Globes: Nur selten wird in Filmen die gesellschaftliche Vielfalt abgebildet.

Auch die Geschlechterverteilung bei Produktion, Drehbuch, Bildgestaltung, Ton und Komposition hat einen großen Einfluss darauf, wie ein Film produziert wird. Dass Frauen auch in der deutschen Film-Branche bisher noch extrem unterrepräsentiert sind, belegen Studien der Rostocker Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer, die bei der Erarbeitung des Diversity-Fragebogens mitgewirkt hat. Die Zahlen, die sie ausgewertet hat, zeigen, welch großen Effekt es hat, wenn mehr Frauen hinter der Kamera verantwortlich sind. Wenn eine Frau das Drehbuch geschrieben habe, würden dreimal mehr Frauen im Film auftauchen, als wenn ein Mann das Drehbuch geschrieben hat, schildert Prommer. Das Problem sei, dass die Absolventinnen nicht am Markt unterkommen, weil es wahnsinnig viele Vorurteile gebe. "Dass eine Branche, wie die Film- und Fernsehindustrie, die meint, sie ist hip und modern, im Grunde wahnsinnig traditionell strukturiert ist, führt dazu, dass wir weniger Frauen sehen."

"Tatort": Frauen führen immer öfter Regie

Derzeit scheint sich aber was zu tun in der deutschen Film- und Fernseh-Landschaft. Das zeigt sich auch deutlich am ARD Tatort. Im vergangenen Jahr wurden 28 von 37 Fällen noch von männlichen Regisseuren gedreht. Im Jahr 2020 haben bei zehn von bisher 21 gezeigten Episoden Frauen die Regie geführt. Es gibt sie also durchaus, die Regisseurinnen, die tolle Krimis und vieles mehr abliefern können - die Sender und Produktionsfirmen müssen sie nur ran lassen.

Aber gibt es Fördergeld demnächst nur noch für politisch-korrekt quotierte Filme? So will Helge Albers die Checklist der Filmförderung nicht verstanden wissen. Eher als Anstoß zum Dialog mit der Branche. "Eine Frage ist noch keine Vorgabe", sagt Albers. "Nicht jeder Film muss bis in jede Rolle und bis in jede Position divers sein. Wir möchten aber ein Verständnis dafür entwickeln, dass die Antragsteller sich mit dem Thema beschäftigt haben und sich damit auseinandersetzen." Ein frommer Wunsch? Oder tatsächlich ein geeignetes Instrument, um die Vielfalt im deutschen Film zu fördern?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 08.07.2020 | 09:55 Uhr

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