Stand: 05.09.2018 15:01 Uhr

Fatih Akin: Der Regisseur des Rauen

von Patricia Batlle, NDR.de

Fatih Akins Filme zeigen oft ein Milieu, das nahe "an der Straße" liegt. Street credibility heißt das im Fachjargon. Bereits in seinem ersten, von der Kritik gefeierten Langspielfilm "Kurz und Schmerzlos" zeichnete Akin 1998 eine Kleinkriminellenstudie voller Schmerz und Härte, deutlich vom Gangsterkino seines Vorbilds Martin Scorsese beeinflusst.

Dabei entstammt der am 25. August 1973 in Hamburg-Altona geborene Sohn eines Arbeiters und einer Grundschullehrerin einem fast schon bürgerlichen Milieu, geprägt von der ersten Generation türkischer Einwanderer im Viertel.

Fatih Akin - eine Filmkarriere in Bildern

Nach den Abgründen seiner Filmfiguren befragt, antwortete Akin in einem Interview: "Ich bin mit solchen Leuten aufgewachsen. Ich kenne sie. Mein Freundeskreis besteht aus solchen Leuten." Obwohl die Eltern Fatih und den älteren Sohn Cem als gläubige Muslime erziehen, besuchen beide einen katholischen Kindergarten, später das Gymnasium. Im Jahr 2000 macht Fatih das Diplom für Visuelle Kommunikation an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Denn schon mit 16 Jahren weiß der Fan von Box- und Bruce-Lee-Filmen, dass er Regisseur werden will. So jobbt er bei der Hamburger Wüste-Filmproduktion, die später seine ersten Filme produziert.

Goldener Bär für "Gegen die Wand"

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Für "Gegen die Wand" bekommt Fatih Akin (Mitte) 2004 den Goldenen Bären - hier mit den Darstellern Sibel Kekilli und Birol Ünel.

Mit seinem dritten Spielfilm "Gegen die Wand", der Geschichte einer unglücklichen Scheinehe mit Biröl Ünel und Sibel Kekilli in den Hauptrollen, gelingt dem Regisseur 2004 der internationale Durchbruch: Das Melodram erhält auf der Berlinale den Goldenen Bären - es ist das erste Mal seit 18 Jahren, dass ein deutscher Film die begehrte Trophäe bekommt.

Akin hatte den Film mit seiner 2003 gegründeten eigenen Produktionsfirma Corazón International mit Wüste Film und dem NDR koproduziert. Es folgt schließlich eine Einladung nach Cannes, wo der Drehbuchautor und Regisseur im Jahr 2005 den Juryvorsitz der Reihe "Un Certain Régard" übernimmt.

Drehbuchpreis in Cannes für "Auf der anderen Seite"

2007 wird "Auf der anderen Seite" auf dem französischen Festival sogar mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet. Das Migrationsdrama erzählt von sechs Menschen auf ihrem Lebensweg zwischen Bremen und Istanbul. Sein Kinofilm "Soul Kitchen", eine Komödie um den Kneipenbesitzer Zinos und seine persönliche Hommage an Hamburg, ist in Deutschland mit 1,3 Millionen Zuschauern sein kommerziell stärkster und auch im Ausland an der Kinokasse erfolgreich. Nicht zufällig spielt sein Jugendfreund Adam Bousdoukos die Hauptrolle - der Hamburger war zehn Jahre lang Tavernenbesitzer und schrieb das Drehbuch mit.

Der ausgesprochene Schauspielregisseur

Fatih Akin, dem seit Mai 2011 auf dem "Boulevard der Stars" am Potsdamer Platz in Berlin ein Stern gewidmet ist, gilt wie sein spanischer Regiekollege Pedro Almodóvar als ausgesprochener Schauspielregisseur. Vielleicht, weil er selbst als Darsteller gearbeitet hat, etwa in Stefan Thiels kaum bekannten Thriller "Kismet".

Zusammenarbeit mit Bleibtreu und Kekilli

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Mit Moritz Bleibtreu (links) - hier in einer Szene aus "Soul Kitchen" - hat Akin schon mehrere Filme gedreht.

Er hat den Mut, neben Weggefährten wie Moritz Bleibtreu ("Im Juli", "Soul Kitchen") wenig bekannte Gesichter zu besetzen, und gibt ihnen nach seinem Motto "Go with the flow" beim Dreh Raum zur Entfaltung. Sein Darsteller Mehmet Kurtulus, mit dem der Hamburger bereits in seinem Kurzfilm "Getürkt" zusammenarbeitete, wurde der erste türkische Ermittler beim "Tatort". Auch Sibel Kekilli hat es zum "Tatort" geschafft. Inzwischen spielt sie in internationalen Serienproduktionen wie "Game Of Thrones".

Dem heimischen Kiez ist Akin stets treu geblieben. Der passionierte Hobby-DJ und Amateur-Boxer fühlt sich in Hamburg-Altona am wohlsten. Dort wohnt er mit seiner Frau, der Schauspielerin und Regisseurin Monique Akin und den zwei gemeinsamen Kindern in einer alten Fischfabrik von 1836. Denn "das Neue altert schneller als das Alte", so der Hamburger in einem Interview.

Golden Globe für "Aus dem Nichts" - aber keine Oscar-Nominierung

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Das NSU-Drama "Aus dem Nichts" mit Diane Kruger in der Hauptrolle gewinnt Anfang 2018 einen Golden Globe.

Das NSU-Drama "Aus dem Nichts" hat Akin, der im Juli 2017 als Jurymitglied in die Oscar Academy berufen wurde, mit Diane Kruger in Hamburg gedreht. Der Film wurde Anfang 2018 als bester nicht-englischsprachiger Film mit einem Golden Globe ausgezeichnet und ging zunächst für Deutschland ins Rennen um den Oscar 2018 - erhielt dann aber nicht die Nominierung. Diane Kruger wurde bei den Filmfestspielen in Cannes im Mai 2017 zudem als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Danach hat Fatih Akin Heinz Strunks Buch "Der goldene Handschuh" in Hamburg verfilmt. Außerdem plant Akin die Neuverfilmung des Stephen-King-Romanklassikers von 1980 "Feuerkind" in Hollywood.

Fatih Akin: Auszeichnungen (Auswahl)

  • 2001: Adolf-Grimme-Preis für "Kurz und schmerzlos"
  • 2004: Goldener Bär der Berlinale, Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis für "Gegen die Wand"
  • 2007: Prix du Jury oecuménique der Internationalen Filmfestspiele von Cannes für "Auf der anderen Seite"
  • 2007: Preis für das beste Drehbuch bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes für "Auf der anderen Seite"
  • 2007: Europäischen Filmpreis 2007 als bester Drehbuchautor für "Auf der anderen Seite"
  • 2008: Karlsmedaille für europäische Medien
  • 2009: Spezialpreis der Jury der Filmfestspiele von Venedig für "Soul Kitchen"
  • 2010: Verdienstkreuz am Bande
  • 2014: Douglas-Sirk-Preis des Filmfests Hamburg
  • 2018: Golden Globe bester fremdsprachiger Film für "Aus dem Nichts"
  • 2018: Bayerischer Filmpreis 2017 für die beste Regie für "Aus dem Nichts"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 13.12.2018 | 19:30 Uhr

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