Stand: 04.05.2018 10:10 Uhr  | Archiv

In Würde leben

von Lenore Lötsch

Die österreichische Fotografin Christine Turnauer beschreibt sich selbst mit den Worten: "Ich bin keine Soziologin, keine Journalistin und keine Anthropologin - oder nur am Rande. Meine Sprache ist eine visuelle". In klassischen Schwarzweiß-Porträts erzählt sie von dem Leben der Menschen in Israel, in Kanada oder Äthiopien. Für ihr neues Projekt ist sie nach Indien und Montenegro gereist - auf den Spuren der Roma.

"Beria ist 80. Als Kind wurde sie mit ihren Eltern in die Lager Transnistriens deportiert. Beria überlebte den Holocaust", heißt es in Turnauers Bildband "Die Würde der Roma". Ihre Haare hat die alte Frau zu strammen Zöpfen geflochten, die immer schmaler werden, je weiter sie sich Richtung Brust auf den groß gemusterten Tüchern entlangschlängeln. Dafür erzählen die Hände, die sich in der Bildmitte auf einen Stock stützen, dass das Leben Arbeit war, Arbeit der zupackenden Sorte. Das Tuch hat sie wie eine Piratin um ihren Kopf gebunden. Ganz knapp blickt sie über die Kamera hinweg. Ihre Augen fragen die Fotografin skeptisch und amüsiert zugleich: "Du willst mich fotografieren? Gottchen, wer bin ich denn?"

Christine Turnauer gelingen reihenweise solche Fotos mit unausgesprochenen Dialogen. Als sie 2014 den Auftrag bekam, Roma zu fotografieren, war ihr Anspruch klar: Deren Würde zu entdecken, ohne das Elend, die Bedürftigkeit und das Leben der an die Peripherie Verbannten zur Inszenierung werden zu lassen. Im Vorwort des Bildbandes schreibt Turnauer:

"Vor einer rauchenden Mülldeponie in Podgorica in Montenegro steht eine Frau aufrecht, eine Königin. Wir schauen uns in die Augen - wie ein Erkennen. Ich gehe auf sie zu - ich spüre, sie ist einverstanden. Einen Moment lang lichtet sich der Schleier, ich sehe das Schöne, Zeitlose, die Würde dieser Frau. Dieses Erlebnis ist es, das ich immer wieder suche, und wenn es passiert, ist es ein Geschenk." Leseprobe

Reise zu den Ursprüngen

Roma
In ihrem Bildband "Die Würde der Roma" hält Fotografin Christine Turnauer das Leben der Roma von Indien bis Montenegro fest.

Die Lebensumstände und die Armut sind eher Randnotizen. Turnauer sucht das Selbstbewusstsein, die Haltung, die Lebensfreude und das Verlorensein der Roma und rückt dies ins Zentrum jedes Bildes. Dafür reist sie zu den Ursprüngen, nach Gujarat und Rajasthan im Nordwesten Indiens, von wo aus sich die Roma vor mehr als tausend Jahren nach Europa auf den Weg machten.

Ihre Berufe sind die Brücke nach Osteuropa. Sie porträtiert Kesselschmiede, Besenmacher, Akrobaten, Schlangenbeschwörer und Musiker. Im Bildband treffen die aufeinander, die Tausende Kilometer trennen. Sharada, die 30-jährige Korbflechterin in Rajastan, reckt den Kopf und schaut auf die andere Bildseite zu Gheorghe, einem Tzigan in Siebenbürgen. Inmitten seiner Körbe schaut er lächelnd zurück: zwei Menschen, deren Hände etwas schaffen, das keiner mehr braucht.

Aufrüttelnde Bilder

Immer wieder sind Turnauers Bilder schmerzhaft für aufgeklärte Mitteleuropäer, denn sie erzählen das, was jenseits unseres moralisch einwandfreien Koordinatensystems von richtig und falsch passiert: die Tränen eines Ursari, eines Bärenführers in Bulgarien, dem nur ein Foto geblieben ist, von dem, was sein Leben war. Eine ausländische Tierschutzorganisation hatte ihm den Bären weggenommen.

Auch das sechsjährige geschminkte indische Mädchen fordert den Betrachter heraus, denn das Urteil steht doch sofort fest: Das kann kein kindgerechtes Aufwachsen sein. Sukh balanciert auf einem provisorisch gespannten Hochseil. Um ihren Hals trägt sie eine Schlaufe, darin steckt ein Stab, der zweimal so lang ist wie sie selbst. Ihre Augen sind schwarz umrandet, die Lippen hervorgehoben, nichts Fröhliches haben die aufgemalten Bäckchen. Sukh hält stoisch und trotzig das Gleichgewicht da oben: Dabei schimmert im Hintergrund über ihr eine riesige Brücke und erzählt, dass die Balance auch hier in Indien längst gekippt ist.

Gleiche unter Gleichen

Die stolze Siegerin über die Traditionen und die Verdienstmöglichkeiten der Roma ist die Moderne. Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß fragt sich im Vorwort zum Bildband, ob es irgendwann eine Zeit gibt, in der die Roma unbehelligt in Europa und anderswo werden leben können:

"Es mag bis dahin ein weiter Weg sein, aber er beginnt dort, wo wir ihnen ihr doppeltes Recht zusprechen, nämlich als Gleiche unter Gleichen zu leben, ohne sich uns deswegen in allem angleichen zu müssen. Ihr Anspruch auf Integration in die moderne Gesellschaft darf nicht mit dem Zwang erpresst werden, ihre eigenen Traditionen wie eine Schande abzuschütteln und mit dem Stigma des Zigeuners zugleich das loszuwerden, was ihre Kultur, ihre Kulturen geprägt hat." Leseprobe

Christine Turnauer gelingen Bilder in Schwarz-Weiß, die uns anders sehen lehren: die Kinder mit den zerzausten und verfilzten Haaren; die Lumpen, die sie tragen, die Bretterwände der Elendsviertel von Tarnava in Siebenbürgen oder Fushe im Kosovo wahrzunehmen, aber nicht darüber zu urteilen. Die Würde des anders Lebenden zu entdecken.

Die Würde der Roma

von Christine Turnauer
Seitenzahl:
276 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text(e) von Karl-Markus Gauß, Siva Prasad, Franz Salm, Georg Sporschill, Gestaltung von Margarethe Hausstätter. Deutsch, 163 Abbildungen, Halbleinen, 28 x 33cm
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3-7757-4306-8
Preis:
68,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.05.2018 | 17:40 Uhr

Mehr Kultur

Buchcover: Rafik Schami - Mein Sternzeichen ist der Regenbogen © Hanser Verlag

"Mein Sternzeichen ist der Regenbogen" von Rafik Schami

Rafik Schamis Geschichten sind voller Charme und Lebensfreude. Sie sind traditionell geschrieben, spielen aber in der modernen Welt. mehr