Buchcover: Sigrid Nunez - Was fehlt dir © Aufbau Verlag

"Was fehlt dir": Sigrid Nunez' Roman über Freundschaft und Tod

Stand: 19.07.2021 11:14 Uhr

Der Roman "Der Freund" der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez war im vergangenen Jahr ein großer Erfolg. Ihr neues Buch "Was fehlt dir" ist wieder ein nachdenklicher Text über Freundschaft und Tod.

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von Annemarie Stoltenberg

Eine Frau macht sich auf den Weg in eine ferne Stadt, um eine Freundin, die unheilbar an Krebs erkrankt ist, zu besuchen. Angesichts der Schwere ihrer Krankheit fürchtet sie, dass sie diese Freundin, die sie seit mehreren Jahren nicht getroffen hat, vielleicht auch nicht mehr wiedersehen wird. Sie mietet ein günstiges Zimmer für den Aufenthalt und abends besucht sie einen Vortrag. Ein Mann beschwört da eine düstere Untergangsvision: Er stellt überzeugend dar, dass die Möglichkeiten zur Rettung der Menschheit bereits sämtlich und komplett vergeigt seien. Die Politik sei offenkundig unfähig, den Bedrohungen irgendetwas entgegen zu setzen. Die Macht liege, seiner Meinung nach, schon in den Händen von erstaunlich wenigen Menschen. Der Vortrag des Mannes donnert geradezu auf die Zuhörerschaft herab. Er konstatiert:

Selbstfürsorge, Bewältigung der eigenen alltäglichen Ängste, Vermeidung von Stress sind zum höchsten Ziel unserer Gesellschaft geworden, sagte er - offensichtlich höher als die Rettung der Gesellschaft selbst. Der Achtsamkeitswahn ist nur eine weitere Ablenkung, sagte er. Furcht sollte uns verzehren. Achtsame Meditation könne einer Person helfen, dem Ertrinken mit Gleichmut zu begegnen, aber sie helfe nicht dabei, die Titanic wieder aufzurichten.

Zu Besuch bei der sterbenden Freundin

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Sigrid Nunez: "Der Freund" (Cover) © Aufbau Verlag

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Der Redner ist der frühere Lebensgefährte der Ich-Erzählerin. Ihr Besuch der sterbenden Freundin fällt nun ganz anders aus als geplant. Die Freundin ist vollkommen allein. Es gibt niemanden, der sich um sie kümmert. Ihre einzige Tochter hat sich von ihr abgewendet und will selbst jetzt nichts mehr mit ihrer Mutter zu tun haben. Aus Nächstenliebe oder warum auch immer, bringt unsere Vertraute, die Ich-Erzählerin, es nicht übers Herz, die Freundin, die ihr doch eigentlich gar nicht nahe stand, allein sterben zu lassen.

Zum Schluss hat die Freundin ihren Frieden gefunden. Die Ich-Erzählerin ist seelisch tief erschöpft, als sie im Park sitzt und weiter über das Leben nachdenkt.

Gesegnet seien die Eichhörnchen und die Vögel. Doch jetzt dieses Paar mir gegenüber. Gerade hat es sich gesetzt, ein junges Paar, und es streitet (…) Sie sind jung, und sie sind schön - sogar im Zorn sind sie schön, sie sind schön auf die Weise, wie junge Leute schön sind. Ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich weiß - man weiß es immer -, dass sie streiten. Ach, bitte, streitet euch nicht, junge Leute. Lasst es einen Ort des Friedens sein.

Ein Roman mit tröstlicher Wirkung

Sie selbst hatte gerade an diesem Morgen noch einmal mit dem früheren Lebensgefährten gestritten. Es gibt so vieles im Leben, das man nicht so hinbekommt, wie man es gern hinbekommen würde.

Der Leser fühlt sich von dem Roman angezogen in der Hoffnung, dass er sein zitterndes Leben mit einem Tod wärmen kann, über den er liest, sagte Benjamin. Ich habe es versucht. Ich habe ein Wort nach dem anderen gesetzt. Wohlwissend, dass jedes Wort ein anderes hätte sein können. Wie das Leben meiner Freundin, wie jedes andere Leben anders hätte sein können.

In dieser Stimmung und Temperatur endet der Roman von Sigrid Nunez. Er hat auf seine leise, anmutige, angenehm kluge Art eine tief tröstliche Wirkung. Das würde dem Vortragenden, dem Redner mit seinen apokalyptischen Zukunftsvisionen nicht gefallen und so dreht sich alles immer im Kreis. Was bleibt, ist die profane Feststellung, dass dies ein sehr gutes Buch ist.

Was fehlt dir

von Sigrid Nunez
Seitenzahl:
222 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03875-5
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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