Buchcover: Claire Fuller - Unsere unendlichen Tage © Piper Verlag

"Unsere unendlichen Tage": Verstörender Roman von Claire Fuller

Stand: 30.07.2021 20:18 Uhr

Mit dem Roman "Eine englische Ehe" wurde die Engländerin Claire Fuller in Deutschland bekannt. Nun wurde erstmals ihr Debütroman übersetzt - er trägt den Titel "Unsere unendlichen Tage".

Buchcover: Claire Fuller - Unsere unendlichen Tage © Piper Verlag
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von Katja Eßbach

Wahrscheinlich ist es diese melancholische, kühle und ein bisschen distanzierte Sprache, die einen sofort gefangen nimmt. Und diese Andeutungen in den ersten Sätzen, dass etwas Ungeheuerliches passieren wird:

Heute Vormittag habe ich hinten in der Schublade des Sekretärs ein Schwarz-Weiß-Foto von meinem Vater gefunden. Er sieht darauf nicht wie ein Lügner aus. Ute, meine Mutter, hat alle Fotos von ihm aus den Alben genommen, die auf dem Bord unten im Bücherregal liegen, und die Familienfotos und Babybilder neu geordnet, um die Lücken zu füllen. Das gerahmte Foto von der Hochzeit meiner Eltern, das immer auf dem Kaminsims stand, ist auch nicht mehr da. Leseprobe

Claire Fuller erzählt eine verstörende Geschichte

Es ist das Jahr 1985: Peggy, die 17-jährige Ich-Erzählerin ist gerade nach London zurückgekehrt. Wo sie die vergangenen elf Jahre war und was ihr widerfahren ist, erzählt Claire Fuller in langen Rückblenden. Anfangs fast heiter und amüsiert über den Spleen von Peggys Vater, der aus Angst vor einem Atomkrieg, den Keller als Schutzraum ausbaute:

In unserem Keller goss er einen neuen Zementboden, verstärkte die Wände mit Stahl und brachte Batterien an, die man aufladen konnte, indem man auf einem feststehenden Fahrrad zwei Stunden lang in die Pedale trat. Er installierte einen Herd mit zwei Platten, der an eine Gasflasche angeschlossen war, und baute Nischen für die Doppelstockbetten, die er mit Matratzen, Laken und Wolldecken ausstattete. Leseprobe

Die Mutter, eine deutsche Pianistin, ist genervt vom seltsamen Aktionismus ihres Mannes und deshalb froh, als sie ein Angebot für eine Konzertreise nach Deutschland bekommt. Nach ihrer Abreise verschwindet der Vater mit Peggy.

Claire Fullers Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, wird dann aber Seite um Seite verstörender. Bemerkenswerterweise bleibt Fuller bei ihrer leisen, stark beschreibenden Sprache, was die Lektüre nur noch beklemmender macht.

"Unsere unendlichen Tage": Elf Jahre harter Überlebenskampf

Peggy und ihr Vater wandern, für das kleine Mädchen gefühlt endlos, durch halb Europa. Der Vater hatte einen Abenteuerurlaub versprochen und als sie im bayerischen Wald auf eine Bäuerin treffen, hatte Peggy keine Ahnung, was noch geschehen würde:

Ich konnte natürlich nicht wissen, dass diese wettergegerbte Frau mit ihren Falten und Tränensäcken, die mit ihrer Kuh am Seil vor ihrer Scheune stand, der letzte Mensch aus der wirklichen Welt war, den ich für die nächsten neun Jahre zu Gesicht bekam. Hätte ich es gewusst, vielleicht hätte ich mich an ihren Rock geklammert, meine Finger in den Bund ihrer Schürze gekrallt und meine Beine um eine ihrer kräftigen Waden geschlungen. (…) Hätte ich es gewusst, vielleicht hätte ich sie nie wieder losgelassen. Leseprobe

Das Ziel der Reise ist eine komplett verfallene und abgelegene Hütte mitten im Wald, die für Vater und Tochter die kommenden elf Jahre Zuhause sein wird. Nach einem schweren Gewitter redet der Vater Peggy ein, dass die Welt außerhalb ihrer Lichtung untergegangen ist und niemand außer ihnen überlebt hat. Es gibt kein zurück. Den ersten Winter überstehen sie fast nicht.

Der harte Überlebenskampf verändert vor allem den Vater, er wird immer wahnhafter. Peggys einzige Chance ist der Rückzug in ihre eigene Welt. Und natürlich kann diese Geschichte nicht gutgehen, natürlich kann sie nur in einer Katastrophe enden. Daran lässt Claire Fuller von Anfang an keinen Zweifel.

Unsere unendlichen Tage

von Claire Fuller
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05828-5
Preis:
22,00 €

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