Schriftstellerin Anna Brüggemann. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Kalaene Foto: Jens Kalaene

"Trennungsroman" von Anna Brüggemann: meisterhafte Beobachtung

Stand: 27.05.2021 06:00 Uhr

Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann hat rund um ihren 40. Geburtstag ihren Romandebüt "Trennungsroman" veröffentlicht: ein bewegendes, spannendes und aufregendes Beziehungsbuch.

Das Cover von Anna Brüggemanns "Trennungsroman" © Ullstein Buchverlage
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Man müsste diesen "Trennungsroman" eigentlich zweimal lesen; zunächst als der, der man sowieso ist, sagen wir: als Mann. Dann wird man sofort den armen Thomas umarmen. Er hat es ja so schon schwer genug: Der junge, immer müde Urologe ist eingepfercht ins kraftraubende Krankenhaus-Schichtsystem und dem minimalinvasiven Mobbing seines Chefs ausgesetzt.

Reicht denn das nicht an Anstrengung? Aber Eva, seine Freundin, mit der Thomas seit acht Jahren ein zunächst überwältigend, dann immerhin noch mittelmäßig glückliches Paar bildet. Eva, die Kulturanthropologin, gerade zurück von einem zweijährigen Stipendium in Paris, ist nicht zufrieden mit bloßer Alltagsbewältigung, sie will mehr, sie will Problemgespräche führen, will die Welt verändern, will das Leben planen, will ein Kind, will all das, was man gefälligst zu wollen hat mit Anfang 30.

Thomas eilt die Gänge entlang, schnell zu dem kleinen Zimmer, in dem sich alle umziehen. Er fühlt sich den Anforderungen in der Klinik heute gewachsener als sonst. Sie sind klar, sie sind überschaubar, zumindest im Gegensatz zu dem, was Eva ihm entgegenbringt. Denn sie begegnet ihm nie mit weniger als ihrer ganzen Liebe. Buchzitat

"Trennungsroman" als Frau und als Mann lesen

Und große Liebe, heißt das nicht immer auch: großer Druck? Der Druck, immensen Erwartungen genügen zu müssen? Läse man dann aber den "Trennungsroman" ein zweites Mal, diesmal zum Beispiel als Frau, die man doch zu gewissen Anteilen auch immer ist - dann könnte man wohl Evas Unrast und Kummer und radikale Hilflosigkeit angesichts des Unausweichlichen bitter nachempfinden.

Was ist nur los mit diesem Mann, diesem Thomas, dass er sich an kaum eine Verabredung verlässlich halten kann, dass kaum ein Gespräch mit ihm möglich ist, dessen Inhalt über die Abendgestaltung hinausgeht, dass er sich kaum einmal auf irgendetwas festlegen kann - außer vielleicht darauf, dass Sex mit einer anderen auch mal ganz schön wäre? Auch Evas Seufzen ist nur zu verständlich.

Wie besorgt Thomas aussieht, auch im Schlaf. Seine schmalen, schön geschwungenen Lippen sind nach innen gezogen, die Hände unter sein Gesicht geklemmt. Nur die braunen Locken liegen entspannt da, wo sie hingefallen sind. Wie sehr sie ihn doch liebt. Wie gerne sie ihm helfen würde.
Schläft er wirklich? Ja, er schläft. Und er wird erst aufwachen, wenn der Lieferbote klingelt. Dann werden sie essen und anschließend ins Bett gehen. Vielleicht noch auf einem der tausend Streaming-Anbieter etwas schauen. Oder in ihren Handys herumwühlen. Sie werden wieder nicht über das reden, was Eva so sehr beschäftigt, das Kinderthema, die Zukunft. Und Eva wird das stillschweigend akzeptieren. Zitat aus "Trennungsroman"

Brüggemann spiegelt Ängste und Verlorenheitsgefühle

Worauf das alles hinausläuft, lässt Anna Brüggemann keine Sekunde lang im Unklaren. Natürlich, der Titel des Buchs - "Trennungsroman" - schafft schon eine gewisse Überdeutlichkeit, die durch den dramaturgischen Kniff, jedem Kapitel bis zum entscheidenden Moment eine Countdownüberschrift zu geben noch unterstrichen wird.

Noch 31 Tage - Noch 25 Tage - Noch 7 Tage - Noch 1 Tag - Tag 0 Buchzitat

Spannend und aufregend und bewegend ist das Buch trotzdem. Bewegend und aufregend, weil es die Verkrampfungen, die bohrenden Erwartungen, die Ängste und Verlorenheitsgefühle, die doch in jeder Beziehung stecken, auf eine Weise spiegelt, die schmerzt. Und spannend, weil es nach dem Ende ja weitergeht und sich die Frage erhebt: War es das denn wirklich? Und wenn ja, was kommt dann?

Anna Brüggemann und ihre meisterhafte die Kunst der Beobachtung

Der "Trennungsroman" besticht nicht vorrangig durch Subtilität, kompositorische Finesse oder außergewöhnliche Sprachfertigkeit. Aber Anna Brüggemann beherrscht meisterhaft die Kunst der Beobachtung.

Eigentlich misstraut Eva dem Sonntag als solchem. Ein Tag, der immer wieder aufs Neue wie ein Versprechen klingt, kann nur in einer Enttäuschung enden. So ähnlich geht es ihr beim Waffeln essen, Picknicken und wenn sie in eine warme Badewanne steigt, die Vorstellung ist immer besser als das tatsächliche Erleben. Buchzitat

Nichts wird je so wundervoll sein, wie man es sich ausgemalt hat: kein Wannenbad, die Liebe nicht und nicht die Literatur. Aber das Gute ist und bleibt möglich.

Trennungsroman

von Anna  Brüggemann
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3550200687
Preis:
20,00 €

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