Sendedatum: 21.11.2010 17:40 Uhr  | Archiv

Jeff Wall - Transit

von Annika Sepeur

Bildband mit Arbeiten von Jeff Wall sowie Texten von Ulrich Bischoff, Matthias Wagner, Thomas Weski, Laszlo Glozer und anderen

Er hat sich mit seiner Erfindung spezieller Leuchtkästen einen Namen gemacht: Darin präsentiert Jeff Wall seine großformatigen Farbdias. Wall gilt als Meister der Inszenierung. In seinen Fotografien verbindet er alltägliche Beobachtungen mit gestellten Szenen. Die Dresdner Kunsthalle zeigt im Lipsiusbau derzeit die Jeff Wall-Ausstellung "Transit". Beim Schirmer/Mosel Verlag ist der gleichnamige Bildband erschienen. Er umfasst 26 fotografische Unikate des Künstlers.

Großstadtbilder

Herunter getretenes Gras, Kiefern und einige karge Laubbäume - abschüssiges Gelände unterhalb einer Betonbrücke. Wie zufällig drapiert sind die Figuren: Ein Mann, der unter der Brücke hockt. Zwei Menschen, die auf einer ausgebreiteten Jacke Rast machen. Ihr Blick auf zwei Männer gerichtet, die an einem Feuer hocken und den Erzählungen einer Frau lauschen. Eine scheinbar belanglose Szene am Rande einer Großstadt. Picknicken die Menschen? Sind sie Obdachlose?

Buchzitat:
"Meine Bilder leiten sich alle aus Erfahrungen ab und aus dem Zuschauen und Beobachten beim Tagträumen und Denken."

Übergangszustände

Der kanadische Fotograf Jeff Wall hat sich der Inszenierung verschrieben. Er selbst bezeichnet seine Arbeit als "kinematografisch" und meint damit den Bezug zum Film. Schauspieler inszenieren Situationen, Wall montiert und dokumentiert in seinen Bildern. Er lässt die Grenzen zwischen Realität, Theater und Reportage verschwinden - schafft so eine andere Perspektive, etwas Künstliches.

Der Fotoband "Transit" widmet sich der wörtlichen Bedeutung seines Titels: dem Übergang, der Veränderung gesellschaftlicher Realität. Wall zeigt in seinen Bildern Entfremdung, Einsamkeit. Den Blick nie auf das Außergewöhnliche gerichtet, sondern immer auf das Alltägliche. Umso eindringlicher werden Walls Darstellungen durch ihre Präsentation. Er stellt seine großformatigen Farbdias in Leuchtkästen aus.

Buchzitat:
"Mein Blick fiel irgendwo auf eine Leuchttafel, und auf einmal ließ mich das Gefühl nicht mehr los, dass dies die perfekte synthetische Bildtechnik für mich sei. Es war keine Fotografie, es war kein Film, es war keine Malerei, es war keine Reklame, aber zu allen diesen Darstellungsformen bestehen Assoziationen."

Die Asymmetrie des Alltäglichen

Jeff Wall - Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona (1999), Großbilddia in Leuchtkasten © Schirmer/Mosel Verlag / Jeff Wall / Mies van der Rohe Foundation
Jeff Wall - Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona (1999), Großbilddia in Leuchtkasten

Klare Linien, klare Formen: quadratische Steinplatten verbinden Innenraum und Garten. Das Morgenlicht lässt den Nachbau von Mies van der Rohes Deutschem Pavillon in Barcelona leicht erröten. Eine Glaswand trennt das Innen vom Außen. Doch die Symmetrie der grünlich blauen Marmorplatten, der goldgelb marmorierten Onyxwand ist gebrochen: Die weißen Bauhaus-Sessel stehen schief im Raum. Und den üblicherweise menschenleeren Architektur-Fotografien setzt Wall in seinem Bild die Figur eines Fensterputzers entgegen - in blauer Arbeitshose bückt er sich über einen Wassereimer, seine Putzutensilien liegen verstreut auf dem Boden und den hochwertigen Sitzmöbeln.

Jeff Walls Fotografien beeindrucken in ihrer Komposition, ihrem Spiel mit Bildausschnitt und Farben. Die Bilder wirken oftmals irritierend, gleichwohl durch ihre alltäglichen Komponenten vertraut. Für Jeff Walls Bildband "Transit" muss man sich Zeit nehmen, um sich einzulassen auf ein fotografisches Kalkül, das sich vor allem in den Details der Bildkomposition entfaltet.

Transit

von Wall, Jeff, Texte: Ulrich Bischoff, Matthias Wagner, Thomas Weski, Laszlo Glozer und andere
Seitenzahl:
136 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Schirmer/ Mosel,
Bestellnummer:
978-3-8296-0478-9
Preis:
49,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.11.2010 | 17:40 Uhr

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