Das Cover von Gaito Gasdanows "Schwarze Schwäne" © Hanser Literaturverlage

"Schwarze Schwäne": Erzählungen von Gaito Gasdanow

Stand: 09.05.2021 12:40 Uhr

Die Übersetzerin Rosemarie Tietze hat bereits viele Romane des russischen Schriftstellers Gaito Gasdanow ins Deutsche übersetzt. Jetzt hat sie neun Erzählungen im Band "Schwarze Schwäne" zusammengestellt.

Das Cover von Gaito Gasdanows "Schwarze Schwäne" © Hanser Literaturverlage
Beitrag anhören 4 Min

von Lisa Kreißler

In der Tasche des Selbstmörders Pawlow steckt ein Brief. Darin steht: "Lieber Fedja, das Leben hier ist schwer und uninteressant. Ich wünsche Dir alles Gute. Mutter habe ich geschrieben, ich sei nach Australien gereist." Pawlows Tod kommt nicht überraschend. Zwei Wochen zuvor hat er seinen Freund, den Ich-Erzähler der Geschichte "Schwarze Schwäne", darüber informiert, dass er sich umbringen werde. Weil der Erzähler Pawlow kennt, weiß er: Es gibt keinen Weg, ihn davon abzubringen. Nach seinem Tod beginnt der Erzähler, das Wesen Pawlows ganz genau zu betrachten. Mit allem, was seine Erinnerung und seine Fantasie ihm ermöglichen, vertieft er sich in die Seele eines Mannes, der ungewöhnlich viel Kraft besaß, mit Ehrlichkeit geradezu um sich schlug und niemandem ähnlich war. 

Er hatte ein besonderes Lächeln, das einem zunächst unangenehm war, ein Lächeln der Überlegenheit, bei dem man spürte - das empfanden fast alle, sogar die stumpfsinnigsten Menschen -, dass Pawlow ein gewisses Recht hatte, so zu lächeln. Buchzitat aus "Schwarze Schwäne"

Gaito Gasdanows Literatur ist geprägt von westeuropäischen Einflüssen

Gaito Gasdanow wurde 1903 in Sankt Petersburg geboren. Mit nur 16 Jahren zog er in den russischen Bürgerkrieg, Anfang der 20er-Jahre kam er nach Paris, wo er Taxi fuhr und mit dem Schreiben begann. Seine Prosa entspringt nicht der russischen Klassik, sondern ist geprägt vom modernen Formwillen der europäischen Literatur. Oft wird Gasdanow deshalb in Zusammenhang mit Marcel Proust und Vladimir Nabokov gestellt.

Gaito Gasdanows Erzählungen lesen sich wie ein dunkler Rausch. Pawlow ist nicht der Einzige, der daran scheitert, Geist und Körper zu einem glücklichen Wesen zusammenzuschmelzen. Auch die anderen Figuren sind angeschlagen von einer tief in der Seele verankerten Todessehnsucht, die sie einerseits anfällig macht für den Schrecken, andererseits aber auch empfänglich für die Feierlichkeit jeder Wahrnehmung.

Und ich dachte, dass in der fürchterlichen, auch mir unerbittlich näherrückenden Stunde, wenn alles, weshalb es sich, vielleicht, zu leben gelohnt hat, zu existieren aufhört, dass dann keine Worte und keine Töne außer denen, die ich gerade hörte, jene Ausweglosigkeit wiedergeben können, ohne die sich weder begreifen lässt, was Leben ist, noch sich vorstellen lässt, was Tod ist. Und dies war das Wichtigste, alles Übrige hatte keine Bedeutung. Buchzitat aus "Schwarze Schwäne"

"Schwarze Schwäne": Gasdanow öffnet Traumkammern

Beschwörend an Gasdanows Erzählungen ist nicht nur die flackernde Tiefe, die in jedem einzelnen Gedanken liegt, sondern auch ihre Dramaturgie. Wenn in "Der Eiserne Lord" dem Erzähler "Unmengen von Rosen" auf dem Blumenmarkt ins Auge fallen, dann symbolisieren diese Rosen nicht nur die verunglückte Liebe seiner Bekannten Jelena und Wassili, die Rosen prägen auf irritierend körperliche Weise auch das allerletzte Bild der Erzählung.
In "Nächtliche Gefährten" schreibt der junge Erzähler einer sehr alten Dame eine unbesiegbare Anziehungskraft zu, eine seelische Genialität. Wollte man das Einzigartige an Gasdanows Geschichten auf den Punkt bringen, ist das der richtige Ausdruck. Mit seelischer Genialität hat dieser Autor die Traumkammern seiner Zeitgenossen geöffnet. In diesen oft dunklen Zimmern ist die Realität nur ein Abglanz der Schönheit, die aus erträumten Bildern und Gedanken erstehen kann.

Mir gehörte das allerbeste, wovon ich nur träumen konnte: Hannahs warme Haut, ihre erstaunliche Stimme, ihre zärtlichen Hände. Das war einzigartig, war grandios, hatte nur den einzigen Nachteil, dass es Realität war. Buchzitat aus "Schwarze Schwäne"

Rosemarie Tietzes fantastische Übersetzung von Gaito Gasdanows Erzählungen entspricht einer Seelenmesse, so lautet auch der Titel der letzten Geschichte. Man geht nicht unbedingt leichter daraus hervor, aber mit der Ahnung, dass die Schönheit am Ende vielleicht doch das letzte Wort hat.

Weitere Informationen
Ein altes Buch liegt im Grünen auf einem Holzbrett. © photocase.de Foto: nukanute

Land in Sicht. Bücher zum Leben

Schriftstellerin Lisa Kreißler lädt ein: In ihrer Scheune in Pohle sprechen wir über Bücher, die Gegenwart, das Leben. mehr

Schwarze Schwäne

von Gaito Gasdanow
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Veröffentlichungsdatum:
06. Mai 2021
Bestellnummer:
978-3-446-26751-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.05.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Bei einem Videodreh sitzt ein alter Mann auf einem Stuhl, neben ihm filmt ihn ein Kameramann. © Elena Zaucke Foto: Elena Zaucke

Sängerin Miu: Musikvideo-Dreh mit Zeitzeugen

Bei Demos gegen die Corona-Maßnahmen wurden immer wieder Vergleiche mit der Nazizeit gezogen. Das wollte Miu nicht so stehen lassen. mehr