Stand: 23.08.2012 15:00 Uhr

"Kanada" ist ein traurig-schöner Roman

von Krischan Koch

Seit seinem Roman "Der Sportreporter", zählt Richard Ford zu den großen amerikanischen Gegenwartsautoren. Für sein Buch "Independence Day" erhielt er den Pulitzer-Preis und den PEN-Award. 2012 hat Ford jetzt den Roman "Kanada" geschrieben. Anmerkung der Redaktion: Der Buchtipp ist Teil eines "Best Of" aus zehn Jahren Gemischtes Doppel am 19. Mai 2020.

Cover des Buches "Kanada" von Richard Ford. © Hanser Berlin
Der mit Spannung erwartete neue Roman von Richard Ford ist im Hanser Verlag erschienen.

Richard Ford erzählt in seinem neuen Roman von einer Kindheit und Jugend in den frühen 60er-Jahren. Doch bereits die ersten lakonischen Sätze machen deutlich, dass dies keine normale Familiengeschichte ist.

"Zuerst will ich von einem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben." (Buch-Zitat) 

Durch einen Bankraub gerät das Leben des 15-jährigen Dell gründlich durcheinander. Dell verliert sein Zuhause in einem kleinen Ort in Montana. Er wird von seinen Eltern, die im Gefängnis landen, und seiner Zwillingsschwester getrennt und findet sich mutterseelenallein in einem fremden Land wieder.

Protagonist landet in Kanada

Um ihn vor dem Waisenhaus zu bewahren, bringt eine Freundin der Familie Dell nach Kanada, zu dem exzentrischen Arthur Remlinger, einem Mann mit dunkler Vergangenheit, der in der Prärie ein heruntergekommenes Jagdhotel betreibt.   

"'Und du wirst gesucht, ist das deine Geschichte?' - 'Ich weiß nicht', sagte ich. - 'Nun, falls die kanadische Polizei hier draußen auftaucht', entschied Arthur Remlinger, 'sagst du einfach, du bist mein Neffe aus dem Osten. Soll ich dir einen kanadischen Namen geben?' - 'Nein, Sir', sagte ich!" (Buch-Zitat)

Ford + Brückner = geglückte Kombination

Mit Dell schafft Richard Ford einen höchst originellen jungen Ich-Erzähler. Aus seiner Perspektive schildert er eindrucksvoll seine triste Existenz in Kanada. Und im Rückblick erzählt er die Vorgeschichte des Bankraubes, die Geschichte einer unglücklichen Familie. Dabei gelingen ihm wuchtige Bilder, melancholische Alltagsszenen aus den 60ern mit Karussellmusik und Ausflügen im Straßenkreuzer oder herrlich unwirkliche Momente direkt nach der Verhaftung der Eltern.

"Ich stand allein mitten im Wohnzimmer und sah mich um, mein Herz schlug schnell, und meine Füße summten wie ein Schwarm Bienen. Ich ließ meinen Blick über das Bücherregal meiner Mutter streifen, über das Puzzle mit den Niagarafällen, das verschrammte Klavier. Ich war dafür verantwortlich, vorübergehend zumindest." (Buch-Zitat)

Die detaillierten Schilderungen fordern vom Leser etwas Geduld. Auch wenn am Ende Morde geschehen, "Kanada" ist alles andere als ein Krimi. Mehr als das Geschehen interessieren Ford die Konsequenzen. "Dazu ist die Kunst da", sagt er, "uns zu zeigen, was passiert, wenn wir auf Grund laufen." Und wenn Ford beschreibt, wie sein junger Held die üblichen Grenzen überschreitet, wie er mit Verlusten umgeht und im Chaos der Erwachsenen sein Leben sucht, dann ist das doch spannend und sehr bewegend, bitter realistisch und auch wieder märchenhaft. Ein schöner trauriger Roman.

Kanada

von Richard Ford
Verlag:
Hanser Berlin, 464 Seiten
Bestellnummer:
978-3446240261
Preis:
24,50 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 19.05.2020 | 10:00 Uhr

Mehr Kultur

Die zwölfjährige Helena Zengel sitzt auf einem Sessel. © picture alliance/dpa/magdalena hoefner photography Foto: Magdalena Höfner

Golden Globes: Helena Zengel geht leer aus

Bei der Verleihung der 78. Golden Globes in Los Angeles gab es keine Preise für die deutschen Nominierten. mehr