Stand: 18.09.2018 12:40 Uhr

Der Sommer eines jungen Mannes

Junger Mann
von Wolf Haas
Vorgestellt von Jürgen Deppe

"Der Brenner" hat ihn berühmt gemacht, den österreichischen Autor Wolf Haas. In mittlerweile acht Krimis passiert beim Brenner seit mehr als 20 Jahren immer was: ein Paradebeispiel dafür, wie fein selbst schwarzer Humor sein kann! Auch wenn der Brenner inzwischen zu Tode und schon einmal wieder zurück gekommen ist, hat sich Haas bislang selten anderem Personal gewidmet. Jetzt hat er es wieder einmal getan. "Junger Mann" heißt der neue Roman - und damit ist gleich die Hauptfigur eingeführt.

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"Junger Mann" hat Wolf Haas in der ihm eigenen trocken-lakonischen, sehr österreichischen, meist schwarz-humorigen Art geschrieben.

Dass auch Wolf Haas, mittlerweile Ende 50, einmal ein "junger Mann" war, durfte sogar vor diesem Buch schon angenommen werden. Aber jetzt liefert er auch noch den 240-seitigen Beleg dafür. Zumindest für einen Sommer in den 70ern, als der Ich-Erzähler (der verdächtig viel Ähnlichkeit mit dem Haas hat und auch dessen Nachnamen trägt) gerade mal zwölfeinhalb war. Auf den schaut er nun zurück. Aber natürlich auf seine Art, also die Haas'sche Weise:  

"Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten." Leseprobe

Ferienjob als Tankwart

Und so steht Haas' Welt mal wieder Kopf. Los geht's - ganz harmlos - auf einer Tankstelle, wo der junge Mann in seinen Internatsferien als Tankwart jobbt. In den 70ern gab's das ja noch! Volltanken: Benzin, Super oder Diesel? Luftdruck messen, Ölstand prüfen und - sein Spezialgebiet - Scheiben wischen.

"Am Zerquetschungsgrad der Wespen und Fliegen auf den Windschutzscheiben konnte ich die Raser von den besonnenen Fahrern unterscheiden. Manche Insekten waren so mit der Scheibe verschmolzen, dass man ein Schwammerl wurde, bis man die Krusten weggeschrubbt hatte. Die Meisterschaft eines Tankwarts aber zeigte sich erst beim Wasserabziehen. Blieb ein Streifen zurück, war man blamiert für die Ewigkeit. Tröpfelte das abgestreifte Wasser über die Fensterkante auf den Lack hinaus, konnte man sich überhaupt heimgeigen lassen." Leseprobe

"Um den Verstand verliebt"

Der junge Mann ist gerade mal wieder dabei, die hohe Kunst des Wasserabziehens zu zelebrieren, da passiert es: Hinter der vom Seifenschaum befreiten Scheibe wird eine wunderschöne Frau erkennbar!

"Diesem Gesicht sah man unzweifelhaft an, dass meine fensterputzerische und eiskratzerische Hingabe geschätzt und gewürdigt wurde. Dieses Lächeln sympathisierte in einer Weise mit mir, dass ich nicht anders konnte, als mit diesem Lächeln ebenfalls zu sympathisieren. Aber Sympathisieren wäre vielleicht noch in Ordnung gewesen. Mein Leben wäre normal weitergegangen, wenn ich nur sympathisiert hätte. Wenn ich mich nicht augenblicklich um den Verstand verliebt hätte. Aber dafür war es jetzt zu spät." Leseprobe

Die böse Waage im heimischen Bad

Hätte er noch ein bisschen von seinem fast noch kindlichen Verstand behalten, dann wäre ihm wohl schlagartig klar geworden: keine Chance! Die Frau ist zehn Jahre älter! Aber der junge und recht übergewichtige Mann verliebt sich nun mal "um den Verstand" und ignoriert alle Widersprüche - außer denen der Waage im heimischen Badezimmer.

"Die Waage war orange, eine fröhliche Farbe, die mich optimistisch stimmte. Ich zog den Bauch ein und hoffte auf eine Zahl unter 80. (…) Die fröhliche Waage hatte aber einen schlechten Tag und zeigte 93 Kilo." Leseprobe

Kilos weg - Elsa her

93! Also gibt's für die Ferien zwei Ziele: Die Kilos müssen weg und Elsa her. So heißt nämlich die hübsche Frau.

"Elsa. Ich hatte mich erkundigt. Unauffällig herumgefragt. Aber mit so einem altmodischen Namen hatte ich nicht gerechnet. 'Elsa' kannte ich überhaupt nur von den Grabsteinen. Ich brauchte mehrere Sekunden, um zu begreifen, dass es der schönste Name der Welt war, noch vor Gabi und Petra." Leseprobe

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Wolf Haas ist besonders bekannt für seine lakonischen Krimis über Brenner.

Es gelingt dem jungen Mann tatsächlich, Elsa auf sich aufmerksam zu machen, vielleicht sogar ein klein wenig für sich zu gewinnen. Denn er kann schon ein paar Brocken Englisch, und sie nicht. Sie würde es aber gern von ihm lernen.

Mit Elsas Mann nach Thessaloniki

Doch schließlich ist es ihr Mann - Tscho, der Fernfahrer -, der auf seine Englischkenntnisse zurückgreift, der ihn auf den Beifahrersitz seines LKW verfrachtet und bis nach Thessaloniki mitnimmt, der mit ihm in zwielichtige Etablissements einkehrt, ihm das Meer zeigt und vieles andere, der mit ihm Gespräche über Gott führt und über den plötzlich an die Fahrertür klopfenden Tod.

"'Ich hab nicht mehr länger zu leben als wie ein Achtzigjähriger. Oder ein Neunzigjähriger. Ich hab nämlich Greps.' - 'Was?' - 'Greps. Ich weiß es selber erst seit zwei Wochen.'" Leseprobe

Es sind nur die Sommerferien irgend eines x-beliebigen österreichischen Jungen, von denen Haas wie beiläufig erzählt. Aber weil er es ist, der Haas, mit seiner ihm eigenen trocken-lakonischen, sehr österreichischen, meist schwarz-humorigen und dann doch wieder zutiefst anrührenden Art, ist das nichts weniger als grandios!

Junger Mann

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00388-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.09.2018 | 12:40 Uhr

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