Stand: 07.10.2018 10:40 Uhr

Beste Unterhaltung mit großen Stimmungsbildern

Gott der Barbaren
von Stephan Thome
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"Gott der Barbaren" von Stephan Thome steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Dieser wird am 8. Oktober in Frankfurt verliehen.

Stephan Thome kann offenbar schreiben, was er will, seine Romane landen immer auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das war 2009 bei seinem Debüt "Grenzgang" so. Und auch mit "Fliehkräfte" 2012 und mit "Gegenspiel" 2015 gehörte er zu den sechs Finalisten. Den Preis aber bekamen andere. Ob dieses Shortlist-Abo auch diesmal ohne Hauptgewinn ausgeht, erfahren wir Montagabend. Eine Einschätzung, ob es sich beim neuen Thome-Roman mit dem Titel "Gott der Barbaren" um ein preiswürdiges Buch handelt.

Stephan Thome

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"

Kulturjournal -

Stephan Thome erzählt in seinem Roman von der Taiping-Rebellion im China des 19. Jahrhunderts und was ein junger deutscher Missionar auf seiner Reise durch das Kriegsgebiet erlebt.

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Mit "Gott der Barbaren" hat sich Stephan Thome als Autor noch einmal neu erfunden. Erstmals widmet er sich in einem Roman dem Themenkreis, mit dem er sich als Wissenschaftler seit seinem 2004 abgeschlossenen Sinologiestudiums intensiv beschäftigt, nämlich mit dem chinesischen Kulturkreis. Das Vertrauen, dass seine Dozenten in ihn steckten, war damals offenbar sehr groß. "Ich habe meine Abschlussprüfung im Fach Sinologie - da musste ich nicht nur Fragen beantworten, sondern ich musste mir die Fragen auch selbst ausdenken", sagt der Autor. "Also ich habe einfach nur ein weißes Blatt bekommen. Ich durfte mich in jeder Hinsicht prüfen, wie ich das selbst für richtig und wichtig hielt. Und ich habe dann auch bestanden." 

Krieg zwischen England und China zwischen 1856 und 1860

Und genauso hat Stephan Thome wieder eine ihm selbst gestellte Aufgabe bravourös bestanden. "Gott der Barbaren" erzählt von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen England und China zur Zeit des Taiping-Aufstands zwischen 1856 und 1860. Drei Romanfiguren stehen im Zentrum der Geschichte: der junge Deutsche Philipp Johann Neukamp, der als christlicher Missionar nach China auswandert; der britische Sonderbotschafter Lord Elgin und der chinesische General Zeng Guofan, wobei Elgin und Guofan reale, historische Personen sind. Dass es nicht immer leicht ist, die Übersicht über die verwirrenden politischen Konstellationen zu bewahren, ist nicht dem Autor anzulasten, sondern spiegelt die Komplexität der historischen Wirklichkeit wider. Für Stephan Thome keine unbekannte Erfahrung. "Ich habe immer das Gefühl, es gibt zwei Versionen eines Buches", meint Thome. "Die Version, die ich mir erzähle, um zu verstehen, was ich eigentlich erzählen will. Und die Version, die dann der Leser braucht und die dem Leser erzählt wird."

Thome erweist sich erneut als Meister des Dialogs

Einmal mehr erweist sich Stephan Thome als ein Meister des Dialogs. Ob es die Begegnungen zwischen Neukamp und dem Abenteurer Potter sind oder die Gespräche zwischen Lord Elgin und seinem persönlichen Sekretär Maddox: Immer findet er für jede einzelne Figur eine völlig eigenständige Sprache und Geisteshaltung, jenseits aller Klischees und Schablonenhaftigkeit. Vor allem, wenn er diplomatische Dispute oder philosophische Streitigkeiten ausführt, läuft er zu Höchstform auf: "Das ist eine Grundregel", sagt Thome. "Je schlechter zwei Menschen miteinander umgehen, desto besser ist der Dialog. Wenn so ein Streit richtig eskaliert, entwickelt das auch beim Schreiben eine Dynamik, es läuft dann wie von selbst. Wenn sie sich so richtig bekriegen, ist es ganz leicht das zu schreiben."

Parabel, Lehrstück und Abenteuerroman

Der Roman zeigt viele Gesichter: er ist eine Parabel auf die Kulturkämpfe unserer Gegenwart. Er ist ein Lehrstück über die chinesische Zerrissenheit zwischen Tradition und Fortschritt, die spätestens damals ihren Anfang nahm und sich bis heute weiterentwickelt hat. Und es ist ein Abenteuerroman im Geiste Jack Londons und Joseph Conrads. Nach einer Schussverletzung muss der rechte Arm von Neukamp amputiert werden, um sein Leben zu retten.

Der verletzte Arm wurde auf den Tisch gepresst und auf der Höhe der Ellbogenbeuge mit einem Seil fixiert. Ich verstand, zu welchem Zweck der Tisch gebaut worden war. Nicht für das Opium. Potters Blick suchte nach der richtigen Stelle. "Warte!", rief ich. - "Je eher wir anfangen..." Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, hatte er eine Säge in der Hand. Die Frau, die mein Kinn umfasste, wimmerte leise, und die Vorahnung des Schmerzes war so furchtbar, als würde ich ihn bereits fühlen. Worte strömten aus mir heraus, ohne dass ich sie stoppen konnte. Ich achtete nicht darauf, was ich sagte, ich plapperte und starrte auf das Sägeblatt, das sich gleich durch mein Fleisch wühlen würde. Potter nickte, aber es galt nicht mir. Er hatte die Stelle gefunden und behielt sie im Blick. "Alles?", fragte er. Leseprobe

Immer wieder schafft es Thome in kleinen Episoden große Stimmungsbilder zu erzeugen. Das ist beste Unterhaltung und ganz nebenbei ein Schlüssel zum Verständnis dafür, wie sehr China, Europa und Amerika seit dem 19. Jahrhundert zusammenhängen. Der "Gott der Barbaren" ist immer der Gott der anderen.

Gott der Barbaren

von
Seitenzahl:
719 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42825-2
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.10.2018 | 12:40 Uhr

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