Stand: 25.06.2018 12:21 Uhr

Noch einmal das Meer sehen

Ans Meer
von René Freund
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Mit Erich Kästner als Vorbild hat sich der österreichische Schriftsteller René Freund einer sachlich-humorvollen Erzählweise verpflichtet.

Anton ist Busfahrer. Jeden Tag fährt er dieselbe Strecke und bringt die Kinder zur Schule. Eigentlich macht er seinen Job gerne, doch derzeit plagen ihn zahlreiche Sorgen.

Vor zwei Wochen hat er einen frechen und aufsässigen Schüler aus dem Bus geworfen. "Wer ahnt schon, dass es sich um den Sohn des Bürgermeisters handelt, der zuhause von Körperverletzung berichtet." Ein Anwalt wurde mit der Angelegenheit beauftragt. Außerdem ruft dauernd seine überbesorgte Mutter an. Seine größte Sorge ist allerdings, dass er in der vergangenen Nacht einen Mann auf dem Balkon seiner Nachbarin Doris hat husten hören. Hochverliebt war er ihr gerade etwas nähergekommen. Anton ist also angeschlagen und anfällig für besondere Forderungen, die heute an ihn gestellt werden:

Diesen Tag in seinem Leben würde Anton, der Busfahrer, nie vergessen. Später schien es ihm sogar, als hätte sein halbes Leben aus diesem Tag bestanden. Aber davon ahnte er noch nichts, als er vor dem Gemeindeamt von Allmau hielt. Es war 06.34 Uhr, und die Schulkinder bewegten sich träge zur Tür, die er mit einem Seufzen öffnete. Genau genommen waren es zwei Seufzer. Die Tür seufzte, und Anton seufzte auch. Die meisten Kinder hatten ihre Ohren zugestöpselt. Anton beschlich der Eindruck, sie hörten dann nicht nur nichts von ihrer Umwelt, sondern sahen auch weniger. Leseprobe

Ein Abenteuer beginnt

Eine krebskranke Frau im Rollstuhl wird von ihrer Tochter in den Bus begleitet. Carla möchte noch einmal in ihrem Leben das Meer sehen. Aber wie soll sie der Busfahrer an die geliebte Bucht am Mittelmeer befördern? Immerhin ist er verantwortlich für den Linienbus 533.

Natürlich lässt sich Anton doch überreden. An Bord sind außer den beiden noch zwei schlecht erzogene Jugendliche, ein schüchternes Mädchen, ein Hase und eine verwirrte Frau, die versehentlich zugestiegen ist.

Eigentlich müssen die Kinder zur Schule, aber sie haben gute Gründe, wie eine anstehende Klassenarbeit, das nicht ganz so dringend zu wollen. Sie stänkern herum, aber sie schwanken auch zwischen Abenteuerlust und Angst vor allem Unbekannten.

Das Ende des Wartens

Hinter dem Bus fährt dann noch Doris im Privatwagen hinterher. Sie wurde von Antons Mutter alarmiert, dass etwas geschehen sei. Und hatte sie Anton nicht gesagt, man müsse mutig sein? Richtig mutig, um Angst und das ständige Warten auf irgendetwas im Leben zu überwinden?

Im Prinzip kommen wir auf die Welt, und damit beginnt das Warten. Wir warten zuerst darauf, dass wir abgenabelt werden, dann auf den ersten Schluck Muttermilch, dann darauf, dass wir endlich allein gehen können. Danach warten wir auf die Schule. Nach zwei Tagen Schule warten wir darauf, dass die Schulzeit endlich und für immer vorbei ist. Zwischenzeitlich warten wir auf den ersten Kuss. Immer warten wir auf schöneres Wetter. Wir warten auf den Zug, auf den Rauchfangkehrer und im Zahnarztwartezimmer. Wir warten hoffnungsvoll auf bessere Zeiten, und wir warten bange auf das Ende der besseren Zeiten... Leseprobe

Wir Lesenden sind in dieser lakonisch erzählten Roadstory mit angehaltenem Atem an Bord. Die letzte Seite umblätternd wischt man sich vielleicht verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Was für eine liebenswürdig schöne Geschichte!

Ans Meer

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Paul Zsolnay Verlag
Bestellnummer:
978-3-552-06363-1
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.06.2018 | 12:40 Uhr

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