Cover des Bildbandes "Passage" von Roger Turesson © Kerber Verlag

"Passage": Bildband von Roger Turesson zeigt Menschen ganz nah

Stand: 14.05.2021 12:21 Uhr

Der Schwede Roger Turesson hat sich als Fotograf weltweit einen Namen gemacht. Nun bringt er seinen ersten Bildband heraus: "Passage".

Cover des Bildbandes "Passage" von Roger Turesson © Kerber Verlag
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von Silke Lahmann-Lammert

Roger Turessons begann in den 1980er-Jahren, als er Korrespondent einer großen schwedischen Tageszeitung in den USA war. Danach wechselte er in die Sowjetunion, wo er mit seiner Kamera den Fall des Eisernen Vorhangs dokumentierte. Später arbeitete Turesson als Freelancer, oft in Kriegs- und Krisengebieten: Am Persischen Golf, im ehemaligen Jugoslawien, in Gaza, Darfur, im Libanon und Syrien. Für seine Fotos hat er zahllose Auszeichnungen gewonnen. Aber erst jetzt - mit über 60 Jahren - gibt Turesson seinen ersten Bildband heraus.

Roger Turessons Fotos erzählen Geschichten

Eine alte Dame sitzt auf einem Klapphocker an der Landstraße. Mitten im schwedischen Nirgendwo wartet sie auf den König und die Königin. Carl Gustav und Silvia werden diesen Weg nehmen, um die nahegelegene Gemeinde Orsa zu besuchen. "Vilhelmina hat in ihrem Garten einen Strauß wilder Osterglocken gepflückt, eine schwedische Flagge und einen neuen Hut gekauft - in der Hoffnung, dass der König anhalten wird, um ihre Blumen entgegen zu nehmen", schreibt Roger Turesson in seinem Kommentar zum ersten Foto der Serie, die er 1983 beim Königsbesuch in Orsa gemacht hat. Auf dem zweiten Bild ist Vilhelmina aufgesprungen. Sie schwenkt ihr Fähnchen und streckt ihre Narzissen in Richtung einer dunklen Limousine. Der Wagen rast vorbei. Ein kurzes Funkeln von poliertem Blech und spiegelnden Scheiben. Auf dem letzten Bild der Serie zieht die alte Dame von dannen. Ihr karierter Mantel und der neue Hut leuchten zwischen den Birken auf beiden Seiten des Wegs.

Ein Foto, das viel über Roger Turesson sagt; über seine Art, mit der Kamera Geschichten zu erzählen. Während seine Kollegen die gekrönten Häupter in den Fokus zu nehmen, fotografiert er die Leute, die stundenlang an der Straße stehen. Nur, um einen Blick auf die königlichen Hoheiten zu erhaschen - und vielleicht ein bisschen royalen Glanz mit nach Hause zu nehmen. Treffender könnte man die Tragik - aber auch die Komik - begeisterter Monarchisten nicht auf den Punkt bringen.

Spannendes Kapitel in "Passage": Nordkorea

Bild aus dem Bildband "Passage" von Roger Turesson © Roger Turesson/Kerber Verlag
Der sechs Jahre alte Ri Wi-Ryong aus Nordkorea soll eine Weltkarriere als Pianist machen.

Eines der spannendsten Kapitel seines Fotobandes widmet Roger Turesson Nordkorea. Auch dort nimmt er nicht die Machthaber in den Blick, sondern diejenigen, die in Kim Jong-uns Unterdrückungsstaat leben: Ri Wi-Ryong zum Beispiel. Einen sechsjährigen Jungen, der an der Musikschule der Industriestadt Chongjin auf eine Weltkarriere als Pianist gedrillt wird. Todernst blickt das Wunderkind in Turessons Kamera: Ein kleiner Erwachsener. Mit ordentlich frisierten Haaren, rotem Jacket, rosa Glitzer-Lidschatten und pinkfarbenen Lippen. Alle Kinder sind so zurechtgemacht, notiert der Fotograf mit Befremden: Jungen wie Mädchen.

"Er ist auf unsere Ankunft vorbereitet. Als wir in den Raum schauen, beginnt der Sechsjährige sofort, ein anspruchsvolles Pianostück zu spielen, während seine Lehrerin über seiner Schulter hängt", schreibt Turesson zu dem Bild. Wohin er auch reist in Nordkorea: Immer wieder beschleichen Turesson Zweifel an dem, was er sieht: "Ständig hat man das Gefühl, von einer Bühne zur nächsten gebracht zu werden. Man fragt sich: Was ist echt? Und was ist inszeniert?" Obwohl Turesson wie alle Reisenden in der ostasiatischen Diktatur auf Schritt und Tritt begleitet wird, gelingt es ihm, die Ambivalenz sichtbar zu machen: Was ist Schein, was ist Sein? Diese Frage schwingt auf all seinen Bildern mit. 

Turessons Bilder bringen die Menschen nahe

73 Aufnahmen vereint der preisgekrönte Fotojournalist in seinem ersten und bisher einzigen Bildband. Eine erstaunlich kleine Auswahl aus Abertausenden Fotos, die in den vier Jahrzehnten seines Berufslebens zusammen gekommen sind. Aber gerade diese Konzentration macht die Intensität des Buches aus. Egal, ob Turesson in Pakistan einen Jungen fotografiert, der als Kinderarbeiter ausgebeutet wird, oder ob er in Tschetschenien bei der öffentlichen Züchtigung eines alkoholisierten Moslems das Entsetzen der minderjährigen Zuschauer festhält: Seine Bilder bringen uns die Menschen nahe. Gefühle, Ängste, Hoffnungen, die in unserem Nachrichtenalltag viel zu oft hinter den Schlagzeilen verschwinden.

Passage

von Roger Turesson
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Kerber Verlag
Bestellnummer:
978-3-7356-0666-2
Preis:
45 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.05.2021 | 17:20 Uhr

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