Stand: 13.05.2018 11:38 Uhr

Der Kasper in der Luft

Kleinhirn an alle
von Otto Walkes
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Eigentlich ist er ein Kind geblieben. Aber trotzdem wird auch Otto Waalkes älter. Dass er allerdings im Juli 70 Jahre alt wird, das mag man dann nun wirklich nicht glauben. Irgendwie hat man ihn für immer als jungen Mann abgespeichert. Erlebt hat er allerdings einiges und genug zu erzählen sowieso. Am 14. Mai ist seine Autobiografie erschienen. Der Titel: "Kleinhirn an alle. Die große Ottobiografie - nach einer wahren Geschichte".

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"Kleinhirn an alle" ist unterhaltsam und komödiantisch geschrieben, allerdings regt es auch zum Nachdenken an.

Selten habe er in seinem Leben zurückgeschaut, schreibt Otto Waalkes. Nun hat er es aber in seiner Autobiografie sehr ausführlich getan. "Bisschen vorsichtig muss ich sein: Nachher liest das noch jemand. Aber ich glaube, jetzt ist es so weit", scherzt der Komiker.

Dieses über 400 Seiten starke Buch ist nicht etwa nur zum Lachen gedacht. "Kleinhirn an alle" ist auch ein ernster Blick zurück, selbst wenn Waalkes oft - und das meisterhaft - das Komische im Ernsten ausmacht. Er beschreibt wunderbar plastisch und skurril seine Kindheit in Emden und liebevoll seine Eltern: die Mutter eine streng gläubige Baptistin, der Vater ein toleranter Malermeister. Als Kind erlebte Otto Waalkes eine heile Welt. Schon damals liebte er es, wenn ihm andere zusahen. So spielte er für andere Kinder Puppen-Theater. Auch im Kindergarten verstand er es, die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu lenken:

"Nachdem ich ihnen eingeredet hatte, dass der Kasper, den sie vom Puppentheater kannten, privat gern mit dem Flugzeug unterwegs war, sahen sie jedem der wenigen Flugzeuge nach, die Emden im Anflug auf Amsterdam oder Hamburg überquerten, winkten wie wild und brüllten: 'Kasper! Kasper!' Dabei saß der dreieinhalbjährige Kasper mitten unter ihnen." Leseprobe

Das Geheimnis hinter Ottos Erfolg

Otto Waalkes beschreibt sich in der "Ottobiografie" selbst als Glückskind, auch mit Blick auf seine Karriere. Als noch kaum jemand an ihn glaubte, wurde er von seinem Manager entdeckt, der ihn groß rausbrachte. 1973 lernte Waalkes die Frankfurter Autoren Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr kennen. Sie entwickelten dann jahrzehntelang mit ihm gemeinsam die Texte für Film und Bühne:

"Man sitzt harmonisch zusammen. Das Tolle war, dass man in eine bestimmte Richtung denken durfte und niemand einen gebremst hat", beschreibt Waalkes die Arbeitsatmosphäre in seinem Team. Gedanken seien ausgetragen worden, bis es nicht mehr weiterging. "Du durftest in jede Richtung denken", erklärt der Entertainer. Daraus wären Reime entstanden, wie zum Beispiel:

"Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hatten an dem Mast gesägt." – "Ich habe nicht an dem Mast gesägt, ich habe nur mit dem Ast gefegt. Da habe ich mich mit Hast bewegt und das hat wohl den Gast erregt, und der hat dann den Mast zerlegt."

"Solche Sachen entstehen plötzlich. Da werden Reime gemacht, Bälle werden einem zugespielt. Ich liebe die Gemeinschaftsarbeit mit solchen Leuten", begründet Waalkes seine Loyalität zu seinen jahrelangen Mitstreitern.

Nach einer wahren Geschichte?

In seiner Autobiografie verrät Otto Waalkes aber nicht nur viel über sich selbst. Er spart auch nicht mit Selbstkritik, wenn er zum Beispiel über seine erste gescheiterte Ehe oder seinen Karriereknick nach dem großen Hype um "Otto – der Film" schreibt. Auch liefert er im Vorübergehen eine kleine Geschichte der Komik im Nachkriegsdeutschland.

"Nach einer wahren Geschichte" heißt es im Untertitel dieses Buchs. An der ein oder anderen Stelle fragt man sich als Leser aber schon, ob sich das alles wirklich so zugetragen hat. "Es muss wahr sein, denn ich habe es ja selbst geschrieben. Was soll denn nicht wahr sein?", fragt Waalkes schelmisch.

An einigen Stellen des Buchs spielt Otto Waalkes das "Was wäre, wenn?"-Spiel, verrät es dem Leser aber nicht sofort. So erzählt er von der einstigen Möglichkeit, einen "Tatort"-Kommissar zu spielen. Dann erzählt er von seinem ersten Dialog darin, tut das aber auf solch absurde und komische Weise, dass klar ist, dass er das reale "Tatort"-Angebot in Wirklichkeit als zu ernst abgelehnt hat.

Geboren um zu blödeln

Otto könne nur Otto, schreibt er in "Kleinhirn an alle". In seiner äußerst gelungenen Autobiografie erscheint er als sympathischer, hochsensibler Musiker und Komiker, der das ganze Repertoire vom Blödeln bis zur Sprachakrobatik beherrscht und süchtig danach ist, andere zum Lachen zu bringen. "Auf der Bühne zu sterben ist eine Möglichkeit", heißt es im Buch. Bleibt die Frage, ob es eine schöne Möglichkeit wäre.

"Das habe ich bisher noch nicht miterlebt", überlegt Waalkes. "Das kann ich nach dem Tod erzählen. Dann reden wir darüber."

Kleinhirn an alle

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Autobiographie
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-20116-3
Preis:
22,00 €

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