Cover-Collage der Comics "1984", "Dragman" und "Comedie Francaise" © Schaltzeit Verlag/Reprodukt/Splitter Verlag

Neue Graphic Novels: "Comédie Française", "1984", "Dragman"

Stand: 25.06.2021 08:35 Uhr

Die Themen in Graphic Novels sind genauso vielfältig, wie die der Roman-Welt. Die Comics "Comédie Française", "1984" nach George Orwell und "Dragman" zeigen, welche Auswirkungen Macht hat.

Cover-Collage der Comics "1984", "Dragman" und "Comedie Francaise" © Schaltzeit Verlag/Reprodukt/Splitter Verlag
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von Mathias Heller

"Comédie Française" - Historiencomic mit Zeitsprung von Mathieu Sapin

Der Zeichner Mathieu Sapin wirkt unscheinbar, geradezu still. Seine Zeichnungen allerdings haben Stimme. Eine Stimme, die ihm in Frankreich großes Ansehen verschafft hat. So beobachtete er 2012 monatelang den französischen Wahlkampf und blickte zwei Jahre dem Präsidenten François Hollande im Élysée über die Schulter. Der Macht ganz nahe. Vor drei Jahren dann veröffentlichte Sapin "Gérard", eine Comicreportage über Gérard Depardieu. Immer frech, selbstbewusst und mit viel Humor. Eigentlich sollte mit dieser Form Schluss sein. Etwas Historisches vielleicht mal. Doch die Gravitationskraft der Macht zog Sapin unweigerlich an. Nach Hollande sollte es nun Macron werden.

Cover des Comics "Comedie Francaise" von Mathieu Sapin © Reprodukt
Ein großes Lesevergnügen: "Comédie Française" von Mathieu Sapin.

Aber nichts da. Sapin gibt sich mit "Comédie Française", so der Titel, nicht ganz auf. Er verfolgt mit seinem ihm eigenen cartoonhaftem Strich trotzdem seinen historischen Stoff über Jean Baptiste Racine - einen der bedeutendsten Autoren der französischen Klassik. Er verwebt seine Geschichte extrem gekonnt mit der Racines und umgekehrt. Parallelen offenbaren sich, zum Beispiel die Abhängigkeit vom Wohlwollen der einflussreichen Auftraggeber. So springt die Handlung geschmeidig 300 Jahre aus der Vergangenheit vom Hof König Ludwig des XIV. in das Vorzimmer Macrons.

Es ist ein großes Lesevergnügen, nicht nur weil Sapin inhaltlichen Tiefgang beweist, sondern weil seine oft ironischen und frechen Anmerkungen die Verbindung von Hochkultur mit Politik leichtfüßig aufbrechen. Wie bei "Gerard" zeigt sich hier das große Sapin-Universum dieses kleinen, stillen Franzosen.

"1984" - von George Orwell und Zeichner Amazing Ameziane

Ein Name, eine Jahreszahl, und schon weiß man, worum es geht: George Orwell, 1984. Der Überwachungsstaat Big Brother ist allgegenwärtig. Hauptfigur Winston Smith ist ein Rädchen im diktatorisch herrschenden Staatsapparat. Er möchte sich allerdings noch ein bisschen Privatsphäre sichern und hinterfragt instinktiv das System. Dabei gerät er unweigerlich in die Mühlen der Macht.

Cover des Comic "1984" von George Orwell © Splitter Verlag
Gelungene Comic-Adaption mit starken Bildern: "1984" nach George Orwell, mit Zeichnungen von Amazing Ameziane.

Der Zeichner Amazing Ameziane verklärt nicht den Inhalt der Orwell-Texte - im Gegenteil. Seine starken Bilder sind eine Mischung aus Leni-Riefenstahl-Plakatkunst und großzügiger Marvel-Ästhetik. Schon auf dem Cover blickt uns ein Macht-einnehmendes, an Stalin erinnerndes Gesicht an - Big Brother is watching you. Die Comic-Adaption ist verstörend, da sie keinen Zweifel an der Aktualität des Stoffes lässt - und dadurch ist sie auch gleichzeitig über die Maße gelungen.

"Dragman" - Superhelden-Krimi von "Guardian"-Autor Steven Appleby

"Dragman" ist ein Superheld, der durch die Gegend fliegt und Menschen rettet - und eigentlich August Crimp heißt. Er ist in einer Beziehung und hat ein Kind. Ja, er zieht gerne Frauenkleider an. Und ja, seine Frau weiß erstmal von nichts. Was auf den ersten Blick nach Slapstick und berechenbarer Handlung klingt, erzählt Autor Steven Appleby aber deutlich tiefsinniger. 18 Jahre hat er von den ersten Strip-Veröffentlichungen im britischen "Guardian" bis zur Fertigstellung des Buches mit seinen über 300 Seiten gebraucht.

Fast genauso lange hat es für Steven Appleby gedauert, bis er sich selbstbewusst als Transfrau bezeichnen konnte. "Dragman" ist keine Autobiografie, aber es enthält immer wieder auf einer Sub-Ebene erlebte Erfahrungen des Autors:

"Ich bin ein Freak." - "Natürlich - aber ein Freak mit einer Gabe." Leseprobe

Cover des Buches "Dragman" von Steven Appleby © Schaltzeit Verlag
Fantastischer Comic mit überraschenden Wendungen: "Dragman" von Steven Appleby.

Denn Dragman löst einen verworrenen Kriminalfall von Transvestiten-Morden und überraschendem Seelenraub und er weiß am Ende seine Superhelden-Macht bewusst einzusetzen.

Dragman ist ein Buch, das man nicht schnell aus der Hand legen kann - allein schon wegen seines Umfangs. Jede Figur im Buch erhält von Appleby einen eigenständigen Charakter mit eigener Geschichte, die sich entwickelt. Der komplexen Handlung gibt er zudem immer wieder überraschende Wendungen. So fühlt man sich beim Lesen wie in einem Sog, der durch den flüssigen Strich Applebys unterstützt wird. Fantastisch, aufregend, einfach bereichernd.

Die Titel in der Übersicht

Titel: "Comédie Française"
Autor: Mathieu Sapin
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3956402548
Seitenzahl: 168
Verlag: Reprodukt

Titel: "1984"
Autor: George Orwell, Amazing Ameziane, Sybille Titeux de la Croix
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-96219-102-3
Seitenzahl: 232
Verlag: Splitter

Titel: "Dragman"
Autor: Steven Appleby
Preis: 29,00 Euro
ISBN: 978-3-946972-49-5
Seitenzahl: 336
Verlag: Schaltzeit Verlag

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.06.2021 | 12:40 Uhr

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