Stand: 03.07.2018 11:36 Uhr

Linn Ullmann: Erinnerungen an den Vater

Die Unruhigen
von Linn  Ullmann, Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Vorgestellt von Andrea Gerk
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"Die Unruhigen" ist eher ein literarisches Geflecht in besonderer Erzählstruktur als eine Biografie.

Das Kind berühmter Eltern zu sein, ist nicht immer nur ein Segen, wie man aus zahlreichen Künstlerbiografien weiß. Linn Ullmann ist die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann, und ihr Vater war der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman, dessen hundertster Geburtstag am Sonnabend zu feiern sein wird.

Tochter Linn, 1966 geboren, wurde Schriftstellerin, ihre Romane sind vielfach ausgezeichnet. Jetzt ist ihr neues Werk unter dem Titel "Die Unruhigen" auf Deutsch erschienen.

Ein abfotografiertes Erinnerungsstück

Auf dem Umschlag dieses Romans ist ein leicht verschwommenes Foto abgebildet. Es zeigt ein kleines Mädchen und einen älteren Mann: Linn Ullmann und ihr berühmter Vater Ingmar Bergman sitzen ganz nah nebeneinander vor seinem Sommerhaus in Hammars. Die Tochter hat es vor vielen Jahren in einem alten Fotoalbum gefunden, mit dem Handy abfotografiert und dann vergessen: "Als ich das Buch geschrieben hatte, habe ich mir überlegt, was denn auf das Cover soll und da hab ich dann dieses Foto auf dem Handy wiedergefunden, das Originalbild war inzwischen verschwunden, und es war so verschwommen und kaum noch zu erkennen, wer da drauf war, dass mir das gefallen hat. Ich mochte diese schlechte Qualität. Und dass man nicht so genau weiß, wer das ist, ist ein bisschen wie die Erinnerung, das verschwimmt auch. Und ich mag auch wie wir aussehen, ein bisschen wild, durchsetzungsfähig - 'bad ass', sagt man im Englischen. Die Geschichte, die ich geschrieben habe, in der geht es ja um Liebe und um Dinge, die zerbrochen sind, und ich denke, dass das Foto das ganz gut ausdrücken kann", erklärt Linn Ullmann.

Verschwommen, bruchstückhaft und sehr poetisch sind die Kindheitsbilder, die Linn Ullmann in ihrem schönen Roman aufleuchten lässt. Fast so, wie wenn der Vater in einer Szene Daumen und Zeigefinger zum Quadrat formt, ein Auge zukneift und sich sein eigenes Bild der Wirklichkeit macht.

Anstelle einer Biografie

Auch wenn man sofort weiß, um wen es geht - eine Autobiografie oder etwa das Porträt einer prominenten Familie ist dieses Buch nicht. Vielmehr ein kunstvolles, literarisches Geflecht aus ganz unterschiedlichen Erzählebenen, das zunächst in der dritten Person beginnt: Das Mädchen, der Vater, die Mutter, die Namen der berühmten Eltern tauchen nicht auf. Obwohl man weiß, von wem die Rede ist, und auch ein dokumentarischer Teil mit Gesprächen den Text durchzieht. Linn Ullmann hat sie mit ihrem Vater geführt, als dieser eigentlich selbst ein Buch über sein Altern schreiben wollte.

Er wollte herausfinden wie es ist, alt zu werden

"Mein Vater fand interessant, wie es ist, alt zu sein, er wollte herausfinden, was mit ihm passiert, wie seine Erinnerung schwindet, wie er die Worte verliert, wie seine körperliche Kraft nachlässt und so weiter. Und er wollte ein Buch darüber schreiben, hat dann aber festgestellt, dass er zu alt ist, um ein Buch zu schreiben. Deswegen haben wir überlegt, dass ich ihn interviewe und wir dieses gemeinsame Projekt haben."

Damals, als der Vater tatsächlich schon sehr alt war und kaum noch klare Antworten gab, seien ihr die sechs Interviews wie ein einziges Fiasko vorgekommen. Aber dann, Jahre später, erschienen sie ihr als seltsam liebenswerte Transkripte vom Rand des Lebens. Genau das macht dieses ganze Buch so bewegend und liebenswert: Es bewegt sich an Grenzen entlang, erzählt vom Leben und Sterben, von der Einsamkeit eines früh erwachsenen Kindes und seiner kindlich gebliebenen Eltern, aber auch von der  Liebe und der Kunst, die alle Beteiligten prägt und antreibt.

Sie wollte einfach über eine Familie schreiben, sagt Linn Ullmann, über Erinnerungen, über Vergessen, übers Aufwachsen und Altwerden, und nicht über zwei oder drei Berühmtheiten. Ruhm an sich interessiere sie nicht: "Ich interessiere mich sehr für Tanz, und Merce Cunningham hat mal gesagt, als er anfing, als Choreograf zu arbeiten, habe er begriffen, dass das Zentrum der Bühne gar nicht der interessanteste Teil ist, also das, was in der Mitte passiert, sondern das, was an den Rändern, in den Ecken, hinten, passiert, dort, wo man zuerst vielleicht gar nicht hinguckt, in den anderen Teilen der Bühne, an die man gar nicht so denkt. Und da wollte ich mit meiner Geschichte hin", erzählt Linn Ullmann.

Das Muster eines Stoffs, die Details einer Landschaft, der Klang einer Melodie sind in diesem musikalisch komponierten Text mit Gedanken, Gefühlen und Gesprächen verwoben. So entsteht das so unruhige wie kunstvolle Geflecht einer Familie, die zwar ganz und gar außergewöhnlich sein mag, aber auf tragikomische, sehr berührende Weise sehr viel über uns alle erzählt.

Die Unruhigen

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-6308-7421-0
Preis:
22,00 €

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