Cover des Buches "Die letzte Ehre" von Friedrich Ani © Suhrkamp

Friedrich Anis "Letzte Ehre": Roman als Krimi getarnt

Stand: 31.05.2021 16:17 Uhr

Friedrich Ani ist einer der großen Stars der deutschen Krimiszene. Sein neuester Fall ist mehr ein Roman, der sich einen Krimi-Mantel zur Tarnung übergeworfen hat.

Cover des Buches "Die letzte Ehre" von Friedrich Ani © Suhrkamp
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von Annemarie Stoltenberg

Die Ermittlerin ist diesmal Fariza Nasri, eine Frau, die erprobte Friedrich Ani-Leser schon seit 2019 aus dem Roman "All die unbewohnten Zimmer" ein bisschen kennen. Damals arbeitete sie mit mehreren anderen Ermittlern zusammen.

Sie ist 58 Jahre alt, leidet unter der Bürde ihres Gewichts, trägt weite Blusen mit aufgestelltem Kragen und hat etliche schwere Kränkungen und Verletzungen in ihrem Leben bereits eingesteckt. 

Wir sind alle verbeult, jeder auf seine Weise, und wir kaschieren unsere Beulen, jeder auf seine Weise. Leseprobe

Friedrich Ani schickt seine "unfassbar geduldige Kommissarin"

Fariza Nasri hat die Gabe, Verdächtige so zu verhören, dass man sich das System merken möchte: Wie geschickt sie ihr Gegenüber überrumpelt, in die Ecke drängt und zu ungewollten Aussagen bringt.

Sollte man selbst je in die zweifelhafte Lage kommen, verhört zu werden, würde man dieses Trainingslager bei Fariza Nasri vielleicht brauchen. Aber auch sie scheitert an manchen absolut indolenten Sturköpfen, die - wie es heißt - ihre Geduld "schreddern".

Manchmal denke ich, dass einzig Wahre in meinem Leben sind die Lügen. Meine Lügen und die der Anderen, denen ich gezwungen bin zuzuhören. Sie glauben, sie bekämen von mir eine Form von Erlösung to go mit auf den Weg; stattdessen schenke ich ihnen etwas wesentlich Persönlicheres: meine ureigene, nach allem Gebrauch immer noch fantastisch funktionierende und blendend verpackte Lüge in Gestalt einer scheinbar unfassbar geduldigen Kommissarin. Leseprobe

Mädchen verschwindet spurlos

Ein 17 Jahre altes Mädchen ist verschwunden und es wirkt ganz so, als sei es nicht mehr am Leben, weil wirklich nirgendwo eine Spur von ihr zu entdecken ist. Verdächtig sind zuvorderst die Burschen, mit denen sie gefeiert hat und der Lebensgefährte ihrer Mutter, der sich zur vermeintlichen Tatzeit mit ein paar Saufkumpanen in einer Hütte im Wald befand.

Die Männer, die sein Alibi bestätigen sollen, sind höchst unglaubwürdig. Interessant sind ein paar Kleinigkeiten, die sie in der Beschreibung ihres Tagesablaufs verschweigen. Zum Beispiel, dass sie eine Prostituierte in die Hütte eingeladen und schwer misshandelt haben.

Darüber hatten die beiden Männer eisern den Mund gehalten. Moralische Selbstaufwertung auf Grasnarbenniveau. Leseprobe

Anis besondere Art Geschichten zu erzählen

Die Polizeieinheit, die für die Aufklärung des Falls zuständig ist, macht einen vollkommen überforderten Eindruck. Da gibt es außer Fariza Nasri noch den Kollegen Dennis Kalk.

Grau vor Müdigkeit, blinzelte er in die Runde, sekundenlang aus winzigen Pupillen; er nahm seine Nickelbrille ab und wühlte mit den Fingern in den Augen, als suchte er unter den Lidern nach einem unbenutzten Blick. Leseprobe

Friedrich Ani hat schon eine sehr besondere Art seine Geschichten zu erzählen, da gehen Menschen mit einem "Rucksack voller Kiesel durchs Leben", das "Herz gepfählt von Verachtung".

Rätselhaft bis zum Schluss

Ein zweiter Fall kommt hinzu. Offenbar ist es eine Frau, die in ihrer Kindheit auf unfassbare Weise missbraucht worden ist, mit dem Wissen ihrer Eltern, nicht aus der Unterschicht, wie man vermutet, sondern in den feineren Kreisen. Sie ist als Erwachsene, inzwischen schwer psychotisch, einem ihrer Schänder wieder begegnet.

Es geht in diesem Roman also um Gewalt gegen Frauen, Racheakte von Frauen und darum, wie Erlebnismuster erbarmungslos von Generation zu Generation weitergegeben werden. Auch Fariza Nasri wird schließlich Opfer eines Angriffs werden.

Rätselhaft bis zum Schluss bleibt dieser großartige Roman, der sich einen Krimi-Mantel nur zur Tarnung übergeworfen hat. Lesend sind wir beteiligt an dem Versuch, die Welt besser zu machen, ahnend, dass es nichts nützen wird. Man muss es trotzdem immer wieder versuchen. 

Weitere Informationen
Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

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Letzte Ehre

von Friedrich  Ani
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978 3518 42990-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.06.2021 | 12:40 Uhr

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