Sendedatum: 07.10.2013 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Ist der Arzt der Patient?

Die Sonnenposition
von Marion Poschmann
Vorgestellt von Joachim Dicks
Marion Poschmann - Die Sonnenposition (Cover) © Suhrkamp-Verlag
Der Roman spielt in einem eingefallenen Barockschloss in Ostdeutschland - mittlerweile eine psychiatrische Anstalt.

Eine, die es auf die Shortlist des begehrten Deutschen Buchpreises 2013 geschafft hat und sich bis zum letzten Augenblick Hoffnung machen durfte, war Marion Poschmann. Den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis wird sie am 2. November 2013 in Braunschweig für ihren Roman "Die Sonnenposition" entgegennehmen.

Joachim Dicks hat das Buch gelesen und die Autorin gesprochen.

Verschwundene Existenzen

"Die Sonne bröckelt." Mit den ersten Worten schlägt Marion Poschmann sogleich den lyrischen Ton an, der ihren Roman prägen wird.

Leseprobe:

Wenn im Speisesaal Betrieb herrscht, versetzen die schweren Schritte alles in Schwingungen, und von der Decke fällt Stuck. Aus der Sonnenmitte hängt das Kabel für den Kronleuchter, ein Modell aus DDR-Zeiten. Messingstäbe spreizen sich von einer Mittelachse, an den Enden verdecken Milchglastrichter die Glühbirnen bis auf die Kuppe, sie sind geformt wie kleine Füllhörner, die Strahlen aussenden, Sonnenimitate.

Überall auf diesen 338 Seiten finden sich Licht- und Schattenmetaphern. Der Ort der Handlung ist ein eingefallenes Barockschloss in Ostdeutschland, das nach der Wende für eine D-Mark den Besitzer wechselte. Inzwischen ist darin eine psychiatrische Anstalt und der Rheinländer Altfried Janich arbeitet dort als Arzt. Während er sich um seine Patienten kümmert, muss er zugleich den Tod seines Freundes Odilo verarbeiten.

"Es ist ja nicht nur so, dass nur die DDR aufgehört hat zu existieren, sondern die sogenannte alte Bundesrepublik ist ja auch verschwunden. Und ich denke, dass das auch für die Menschen, die im Westen gelebt haben, etwas ausgemacht hat. Und diese Erfahrung ist in der Literatur noch gar nicht so sehr behandelt worden. Und das hat mich interessiert", erklärt die Autorin.

Kafkaeske Handlung

Der Autor Franz Kafka (1883-1924), undatierte Aufnahme © dpa
Poschmann entdeckt in ihrem Buch Parallelen zum Werk des großen Surrealisten Franz Kafka.

Spielt ein Roman in einem Schloss, liegt der Gedanke an Franz Kafka nicht fern. Zumal bei einer Autorin, die Germanistik und Philosophie studiert hat. "Es gibt tatsächlich diesen Bezug zu Kafka", so Poschmann, "der mir aber erst im Nachhinein aufgefallen ist. Bei Kafka ist es ja so: Dieser Held K. versucht immer dieses seltsame Schloss zu erreichen, das sich aber entzieht. Also er schafft es nie, dort hinzukommen. Und bei mir ist es umgekehrt. Bei mir ist der Held in dem Schloss. Und es sieht so aus, als käme er von dort nicht mehr weg."

Mit einem unglaublichen sprachlichen Sog zieht Marion Poschmann ihre Leser in diese Geschichte über Freundschaft und Verrat, über Krankheit und Wahn und über gesellschaftlichen Wandel, in dem der Einzelne schon einmal unter die Räder geraten kann. Am Ende überstrahlt der Wahnsinn die Ereignisse so sehr, dass der Arzt nicht mehr weiß, ob er nicht doch die ganze Zeit Patient gewesen ist.

Leseprobe:

Am Morgen bin ich mir nicht mehr sicher, ob nicht das Ganze nur ein Traum war. Habe ich Polarlicht gesehen? Hat es mich ergriffen? Als ich mich wasche, finde ich ein Stückchen weißen Lack unter dem Daumennagel.

Die Schriftstellerin Marion Poschmann © Wilhem-Raabe-Literaturpreis/Jürgen Bauer
Freut sich, dass ihr Roman "Die Sonnenposition" auf der Shortlist steht: Marion Poschmann.

Marion Poschmann freut sich sehr, dass ihr Buch auf der Shortlist steht: "Einfach weil das Buch dadurch deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommt, als es sonst wahrscheinlich bekommen hätte. Man weiß es natürlich nie. Aber jetzt ist es so gekommen. Und damit bin ich schon mal sehr, sehr glücklich. Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn es klappt. Aber das kann man natürlich nicht vorher wissen."

Die Sonnenposition

von
Seitenzahl:
337 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp-Verlag
Bestellnummer:
978-3518424018
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.10.2013 | 12:40 Uhr

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