Götz Aly: "Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten" (Cover) © Fischer

Götz Alys Sachbuch: "Das Prachtboot"

Stand: 23.05.2021 16:03 Uhr

Götz Aly dokumentiert im Sachbuch "Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten", wie brutal deutsche Händler, Abenteurer und Ethnologen in der Südsee auf Expedition und gierige Raubsuche gingen.

von Otto Langels

Zu den bedeutenden außereuropäischen Kunstobjekten, die demnächst im Berliner Humboldt-Forum in den Räumen des wiedererrichteten Stadtschlosses gezeigt werden sollen, zählt ein berühmtes Boot aus der Südsee: ein kunstvoll hergestelltes, hochseetüchtiges Segelschiff von der kleinen Insel Luf.

Luf-Boot aus der Südsee im Berliner Humboldt-Forum

Diesem Objekt hat der Historiker und Antisemitismusforscher Götz Aly ein Buch gewidmet. Er geht darin der Frage nach, wie und unter welchen Umständen das Boot Anfang des 20. Jahrhunderts aus der damaligen deutschen Kolonie Neuguinea nach Berlin gelangte.

Götz Aly hat sich vor allem mit seinen Schriften zum Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Mit seinem neuen Buch betritt er gewissermaßen Neuland, die Insel Deutsch-Neuguinea, von 1884 bis 1914 in deutschen Händen, heute ein Teil Papua-Neuguineas. Götz Aly beschreibt auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen detailliert das Vorgehen deutscher Militärs, Kolonialbeamter und -händler in der Südsee, zum Beispiel den Ablauf sogenannter Strafexpeditionen: "Das haben Deutsche gemacht dort: eine Insel zusammenschießen, niederbrennen, Einwohner ermorden, ihnen die Lebensgrundlage entziehen. Und das ganz regelmäßig."

Götz Aly: "Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten" (Cover) © Fischer
AUDIO: Sachbuch-Rezension: Götz Aly - Das Prachtboot (5 Min)

Auch wenn die Kolonisatoren die Einheimischen als primitiv und minderwertig einstuften, waren sie gleichwohl an ihren Kunst- und Gebrauchsgegenständen interessiert, die sie raubten oder gegen wertlose Glasperlen und billigen Tabak eintauschten. Ihr Vorgehen verschleierten die Händler und Sammler hinter Floskeln wie "erwerben" oder "unter Schutz stellen". Nachdem die Deutschen auf der Insel Luf gewütet, die Hütten zerstört und die Bewohner fast vollständig ausgerottet hatten, rissen sie das letzte verbliebene Boot an sich.

Ein mit zwei Masten und Segeln voll betakeltes Auslegerboot, das heute zu den Glanzstücken der ethnologischen Sammlungen Berlins gehört: stattliche 15 Meter lang, ohne einen einzigen Nagel fest zusammengefügt und mit wundervollen Schnitzwerken und Malereien verziert. Es ist hochseetauglich und konnte bis zu 50 Krieger oder Reisende aufnehmen.

Götz Aly recherchierte für "Das Prachtboot" in Archiven von Hernsheim

Dieses technische und künstlerische Meisterwerk, das demnächst die Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum zieren soll, gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts auf dubiose Weise in den Besitz des Kolonialhändlers Eduard Hernsheim. Götz Aly suchte in den Archiven nach Unterlagen, um die Transaktion nachzuvollziehen. "Eduard Hernsheim, der es für 6.000 RM verkauft hat an das Berliner Museum, der sagt, 'dieses Boot ging in meine Hände über'. Das ist kein Kaufdokument. Und ein anderes gibt es nicht. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat es immer wieder behauptet, sie hat keinen einzigen Beleg dafür, dass es redlich erworben ist", sagt Götz Aly.

Mitunter ist Götz Aly auf Mutmaßungen angewiesen ist, aber dies ist nicht dem Autor anzulasten: Häufig fehlen in den Archiven eindeutige Belege zur Herkunft der Objekte. Die Umstände der Strafaktionen und Raubzüge lassen nur den Schluss zu, dass es sich in den allermeisten Fällen um betrügerischen Erwerb, Hehlerei, systematischem Diebstahl oder Raubmord handelte.

Götz Aly gestikuliert © imago images / Gerhard Leber Foto: Gerhard Leber
AUDIO: Götz Aly, Historiker und Journalist (43 Min)

Bis zu 90 Prozent der Bestände in den deutschen ethnologischen Museen aus Kolonialzeit

Wie man es vom Autor kennt, verwendet er zugespitzte Formulierungen, nennt die Dinge beim Namen und verzichtet auf akademische Zurückhaltung. Götz Aly schätzt, dass 80 bis 90 Prozent der Bestände in den deutschen ethnologischen Museen aus der Kolonialzeit stammen. Deshalb fordert er, dass die Verantwortlichen die Herkunft der Objekte offenlegen, in Zweifelsfällen mit den betroffenen Staaten über den weiteren Verbleib verhandeln und sie gegebenenfalls zurückgeben müssen. "Das muss man ganz klar sehen, dass man da die Beweislast umkehrt. Deutschland muss beweisen, dass es redlich erworben ist, nicht die anderen." sagt Aly.

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Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten

von Götz Aly
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Bénédicte Savoy schreibt über das Buch: "Was für ein Buch! Was für Erkenntnisse!"
Verlag:
S. FISCHER
Veröffentlichungsdatum:
10.05.2020
Bestellnummer:
978-3-10-397036-4
Preis:
21,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.05.2021 | 18:00 Uhr

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