Zu sehen ist das Cover des Romans "Falschgeld" von Matthias Matschke, erschienen bei Hoffmann und Campe. © Hoffmann und Campe

"Falschgeld": Berührendes Romandebüt von Matthias Matschke

Stand: 09.09.2022 14:29 Uhr

In Matthias Matschkes Buch "Falschgeld" geht es um das Erinnern. Darum, wie Erinnerungen unsere Identität formen. Der Wirklichkeitsgehalt bleibt dabei sekundär.

Zu sehen ist das Cover des Romans "Falschgeld" von Matthias Matschke, erschienen bei Hoffmann und Campe. © Hoffmann und Campe
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von Katrin Krämer

Der Schauspieler Matthias Matschke, dessen Theaterkarriere Ende der 90er-Jahre an der Berliner Volksbühne begann, hat unbestritten ein großes darstellerisches Talent. Nun stellt er zum ersten Mal seine Fähigkeiten als Schriftsteller unter Beweis.

Matthias Matschkes ereignislose Jugend

Der Romanheld von Matthias Matschke heißt: Matthias Matschke. Das grüne Bonanzarad trägt ihn durch die 70er-Jahre-Kindheit. Und mit dem Volvo von Vater Christian - einem streitbaren, technikaffinen Dorfpfarrer - ist es nicht weit in den angrenzenden Odenwald. Oder zum Frankfurter Flughafen, wo der Sonntagsausflug mit den Eltern vom Mittagessen auf der Besucherterrasse gekrönt wird. Die Mutter arbeitet beim Fernmeldeamt und ehrenamtlich für die Gemeinde ihres Mannes. Auch die Jugend in den 80er-Jahren verläuft für Matthias - bis auf die Versetzung des Vaters in die Verwaltung, dem damit einhergehenden Umzug in ein Neubaugebiet und Wechsel aufs Gymnasium - weitgehend ereignislos.

Ich habe Latein abgewählt und zwei Freistunden. Im Café Chaos gibt es KiBa - Kirsch-Bananensaft - und Rohkostsalat und die richtige Musik, das ist für meine Freunde und mich das Wichtigste. Aber es ist ganz gut, dass meine Freunde nicht da sind, denn ich habe mir gerade eine Jazzplatte gekauft, und Jazz ist in unserem streng geführten Musikkanon nicht gern gesehen: Wave ja, HipHop nein. Pop sehr ausgedünnt. Mahler ja. Mozart nein. Heavy Metal nein. Punk ja. Deutschrock nein. Alban Berg ja. Jazz nein. Leseprobe

Wie formen Erinnerungen unsere Identität?

Die Versuchung ist groß, den Roman immer wieder auf den autobiografischen Gehalt hin abzuklopfen. Zu fragen, wie viel echter Matthias Matschke wohl im fiktiven steckt. Die Antwort: sicher ein bisschen. Wir haben es aber nicht mit Selbstbespiegelung zu tun. Sondern mit einer Selbstvergewisserungsreise ins Leben, in "ein" Leben.

Ich nehme einen Stein, der glatt ist wie ein Osterei. Jedenfalls rotiert er unrund, als ich ihn auf ein kleines Toilettenfenster der Aussegnungshalle werfe. Die Scheibe zerbricht. Ein Loch. Faustgroß. Ich bin Matthias Matschke. Leseprobe

Dem Ich-Erzähler den eigenen Namen zu geben, ist der Spin des Romans. Ist literarische Akrobatik, eine gewagte Trapeznummer, mit der sich Matschke weit nach oben in die Zirkuskuppel schwingt. Von hier hat er nämlich die beste Sicht. Auf eine Geschichte, die eben nicht die eigene sein muss. Und auf Fragen des Lebens, mit denen wir alle uns beschäftigen. Denn es geht in "Falschgeld" um das Erinnern. Darum, wie Erinnerungen unsere Identität formen. Der Wirklichkeitsgehalt bleibt dabei sekundär.

"Falschgeld": Berührendes Debüt mit originellem Helden

"Jede Geschichte braucht so viel Wahrheit, wie sie vertragen kann", heißt es an einer Stelle. Damit gibt sich Matschke selbst Narrenfreiheit: zu erfinden, zu erdichten und zu behaupten, wie es ihm gefällt.

Die komödiantische Seite des Schauspielers Matthias Matschke kennen wir schon. Der Schriftsteller Matthias Matschke beherrscht - neben kleinen Absurditäten - auch den melancholischen Erzählton. Der fiktive Vater erleidet in der Nacht zum 10. November 1989 mit 52 Jahren einen Schlaganfall. Und der 19-jährige Matthias muss sich nun mit dem Abschiednehmen beschäftigen. Gewissheiten und Vertrautes verschwinden aus seinem Leben. Die Trauer, dass nichts für immer bleibt, wie es war, wabert wie ein feiner Herbstnebel durch das Geschehen.

"Falschgeld" ist ein berührendes Romandebüt geworden. Mit einem klug und originell ausgedachten Helden - wahrscheinlich mit doppelter Identität.

Die ungekürzte Hörbuchlesung - Sprecher ist der Autor - gibt es bei steinbach sprechende bücher/Saga Egmont ebenfalls für 24,00 Euro.

Falschgeld

von Matthias Matschke
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-01463-1
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.09.2022 | 12:40 Uhr

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