Buchcover: Keith Gessen - "Ein schreckliches Land" © CulturBooks Verlag

"Ein schreckliches Land": Keith Gessens Blick auf Russland

Stand: 17.06.2021 13:56 Uhr

Keith Gessen schickt seine Hauptfigur Andrej von New York nach Moskau, um seine Großmutter zu betreuen. Andrejs Eltern sind vor vielen Jahren ausgewandert, aber das Russland, das er nun kennenlernt, ist ihm völlig fremd.

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von Matthias Schümann

Kaum hat er den Moskauer Flughafen verlassen, dämmert Andrej Kaplan, dass dieses Russland, das er gerade betreten hat, überhaupt nicht dem Bild entspricht, das er im Kopf hatte.

Dieses Land war zum Kotzen. Aber es war auf eine ganz andere Art zum Kotzen, als man mir eingetrichtert hatte. Was war aus der Furcht einflößenden Diktatur geworden? Wo war das blutrünstige Regime? Ich hatte erwartet, verhaftet zu werden, aber niemand wollte mich verhaften. Keiner interessierte sich auch nur einen Scheiß für mich. Dafür war ich einfach viel zu arm.

Der westliche Blick auf Russland scheitert an der Realität

Andrej findet sich in einer glamourösen Welt wieder, in der die Mieten hoch sind und der Cappuccino im Café ein Vermögen kostet. Andrej selber ist ein unterbeschäftigter Literaturexperte mit fast keinem Geld auf dem Konto. Bald schon stimmt er ein in den Satz, den seine Großmutter andauernd wiederholt: "Dies ist ein schreckliches Land."

Allerdings meint die schon leicht demente Oma den Satz ganz anders als Andrej. Sie lebt in einer Wohnung, die sie einst von Stalin geschenkt bekam. Als er dann auch noch auf offener Straße niedergeschlagen wird, beschließt er nicht etwa zu fliehen, sondern das Land richtig kennenzulernen. Keith Gessen führt vor, wie der westliche Blick auf Russland an der Realität des Landes scheitert. Was in den Zeitungen stehe, sagt er, das seien die Verhaftungen, die Demonstrationen, die Anschläge. Aber Russland biete eben noch einiges mehr.

"Wenn man nach Moskau oder St. Petersburg oder andere wohlhabende Städte fährt, dann sieht man dort gut angezogene Leute in den Cafés sitzen, lächelnd und lachend", erzählt Gessen. "Das ist die Natur eines zeitgenössischen autoritären Regimes. Es kann beides sein: Die Verhaftungen finden statt, Anschläge sind nicht gewöhnlich, aber sie kommen vor. Und gleichzeitig sind da viele Leute, denen es sehr gut geht und die es sich aussuchen können, zu ignorieren, was da passiert und die dabei in relativem Komfort leben."

"Es geht um Leben und Tod"

Keith Gessens Roman ist in dieser russischen Gegenwart angesiedelt, fast jedenfalls. Das Buch spielt 2008, als Dimitri Medwedjew Regierungschef war. Keith Gessen wohnte damals in Moskau, tatsächlich um seine Großmutter zu betreuen. Er erlebte die Zeit als ein gewisses liberales Durchatmen des Landes. Seine Romanfigur Andrej lässt er in die oppositionelle Szene einsteigen, die Aktivistin Yulia spielt dabei eine gewisse Rolle. Nach und nach entwickelt er eine Vorliebe für marxistische Theorien und einen kritischen Blick auf sein Heimatland. Auch dabei sind Romanfigur und Autor gar nicht so weit auseinander: "Wenn wir noch Hoffnung haben, den Planeten vor der Klimakrise zu retten, wenn wir noch Hoffnung haben, uns vor der extremen Rechten zu schützen, dann denke ich, müssen wir wegkommen von der Politik der Austerität, des neoliberalen Wettbewerbs, hin zu einem menschlicheren und sozialdemokratischen Lebensstil. Ich denke, das ist realistisch. Es geht um Leben und Tod."

Die furchtbare Seite der Diktatur

Andrej wird zum glühenden Regierungskritiker, er spielt begeistert Eishockey in einer Mannschaft, die immer verliert und trotzdem Spaß hat. Endlich fühlt er sich zu Hause, bekennt er auf einer Party.

"Ich gehe nicht fort", sagte Sergej. "Mein Schicksal ist mit dem Schicksal dieses Landes verbunden, komme, was wolle." (…) "Ich sehe es genauso", sagte Yulia leise. "Okay", sagte ich zu ihr (wir saßen direkt nebeneinander), aber auch zu allen anderen. "Dann werde ich auch nicht fortgehen." Es gab eine Pause, und dann lachten alle. Wir tranken darauf, dass ich blieb.

Wenn der Roman an dieser Stelle endete, wäre er ein unglaubwürdiges Machwerk. Aber Keith Gessen führt seiner Figur Andrej auch noch die furchtbare Seite dieser Diktatur mit smartem Antlitz vor. Dafür lässt er sich aber Zeit. Fast 500 Seiten hat der Roman, Gessen erzählt gemächlich, manchmal mit sehr handfester Sprache. Spaß daran hat offenbar auch Jan Karsten, der Übersetzer und Verleger der deutschsprachigen Ausgabe gleichzeitig ist. Langatmig ist der Roman allerdings nicht. Es dauert nun mal, ein Land kennenzulernen. Zumal ein so widersprüchliches wie Russland.

Ein schreckliches Land

von Keith Gessen
Seitenzahl:
488 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Jan Karsten
Verlag:
CulturBooks
Bestellnummer:
978-3959881517
Preis:
24,00 €

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