Buchcover: Hisham Matar - "Ein Monat in Siena" © Luchterhand Verlag

"Ein Monat in Siena": Hisham Matars Stadtführer der besonderen Art

Stand: 14.06.2021 09:00 Uhr

Die Entführung und Inhaftierung seines Vaters wurde zum bestimmenden Thema für Hisham Matar. In "Ein Monat in Siena" sucht der Autor Trost bei den Bildern der Sieneser Malerschule.

von Katja Lückert

Vor fünf Jahren reiste Hisham Matar nach Siena in die Toskana, um die Trauer um seinen Vater zu verarbeiten. In den 15 kurzen Kapiteln seiner poetischen Stadtbetrachtung erfährt der Leser einiges über das toskanische Siena, wo die Bindung an die Contrada, das Stadtviertel, so stark ist, dass man Kinder in einer Aufnahmezeremonie feierlich in die Fahne der jeweiligen Contrada einwickelt. Hisham Matar streift mit seiner Frau durch die Gassen, begeistert sich für den muschelförmigen Platz, den die Sieneser schlicht "Il Campo" nennen und der wie ein geheimes Zentrum wirkt.

Dort gelangt Siena an seine eigene Mitte, in die sich alles ergießt. Aber hier ist auch seine Quelle, hier treffen sich Anfang und Ende, die gegenläufigen Gezeiten, offen im Licht des Tages. Und es war, als hätten Diana und ich einen Ort betreten, der uns gehörte, an dem wir immer schon vorausgeahnt worden waren und, wie wir annahmen, auch nach unserem Weggang weiter erwartet würden. Ist das nicht zumindest eine Definition des Glücks, dachte ich, vorausgeahnt zu werden?

"Ein Monat in Siena": Hommage an die Sienesische Schule

Hisham Matar mietet eine Wohnung in Siena. Er besucht verschiedene Kirchen und Museen, verbringt viele Stunden vor den Kunstwerken, die im Buch abgedruckt sind. Etwa vor Ambrogio Lorenzettis Fresko mit den Auswirkungen von guter und schlechter Regierung im alten Rathaus von Siena. Die Tugenden der Regierenden sind hier als Personen dargestellt: die Vernunft, die Standhaftigkeit und auch der Frieden, der von einer auf einem Kissen drapierten Frau verkörpert wird. Unter dem Kissen entdeckt Hisham Matar etwas Erstaunliches:

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es sich um Teile einer Rüstung handelt, was besagt, dass man, wenn Frieden herrscht, nicht kämpfen muss. Dieses Detail hat etwas Oxymoronisches - die Rüstung, die zum Schutz und zur Tarnung dient, wird ihrerseits versteckt -, aber auch etwas Slapstickhaftes, so wie der Friede tut, als wäre da nichts: Eine Rüstung, was für eine Rüstung?

Matars Leidenschaft für die Maler der Sieneser Malerschule hatte schon 30 Jahre zuvor begonnen. Sein Vater, ein politischer Dissident, wurde 1990 in Kairo entführt und in einem lybischen Gefängnis zum Verschwinden gebracht. Matar war 19 Jahre alt, als er die Bilder von Lorenzetti, Pistoletto und Giovanni di Paolo zum ersten Mal in der National Gallery in London sah: "Es ist ein Buch über das Betrachten von Bildern, über das, was geschieht, wenn man sich solchen Bildern nähert", erklärt Matar. "Auf eine bestimmte Weise ist ein Kunstwerk eine Art Landeplatz, ein Ort, der unsere Gedanken und Gefühle gewissermaßen kuratiert und organisiert."

Siena: Für Hisam Matar ein Traum- und Sehnsuchtsort

Lorenzetti war übrigens eines der ersten Opfer, als die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts die Stadt heimsuchte. Sie veränderte Vieles in der Stadt.

Die Stadt begann sich wie ein toter Körper anzufühlen, der nach Luft schnappte. Der Maler blieb mit seiner Familie und seinen Lehrlingen innerhalb der Stadtmauern. Die Sieneser litten wie alle anderen mittelalterlichen europäischen Christen unter der Überzeugung, dass alle Krankheiten von Gott kamen. Sie verstanden den schwarzen Tod als Beweis ihrer Schuld.

"Ein Monat in Siena" ist eine Hommage an Siena als Traum- und Sehnsuchtsort. Hisham Matar hat einen literarischen Kunst- und Stadtführer der ganz besonderen Art geschrieben. Ein Büchlein voller nachdenklicher Passagen, wunderbarer Bilder und interessanter Alltagsbeobachtungen für Italienliebhaber.

Ein Monat in Siena

von Hisham Matar
Seitenzahl:
261 Seiten
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87618-4
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.06.2021 | 12:40 Uhr

Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Juli Zeh, Steffen Kopetzky sowie Lyrik von Amanda Gorman und Anja Kampmann. mehr

Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Das Gemischte Doppel empfiehlt Bücher für den Sommer(urlaub)

Viele neue Buchtipps. Mit dabei: Neues von Sebastian Barry, Maarten t’Hart, und Leïla Slimani und ein Buch über Paare am Pool. mehr

Mehr Kultur

Logo Zeit für Kultur

"Zeit für Kultur!": Festival-Abend mit Max Mutzke im TV

Unter dem Motto "Zeit für Kultur!" lädt das NDR Fernsehen zu einem langen Musik-Abend ein - mit Pop, Klassik und Heavy Metal. mehr