Seite aus der Graphic Novel "Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazi-Jäger" © Pascal Bresson, Sylvain Dorange, La Boîte à Bulles / Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2021

"Die Nazi-Jäger": Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld

Stand: 05.05.2021 09:09 Uhr

"Serge und Beate Klarsfeld: Die Nazi-Jäger" ist der Titel einer Graphic Novel von Pascal Bresson und Sylvain Dorange, die jetzt bei Carlsen erschienen ist. Sie widmet sich dem "Kampf gegen das Vergessen", den das Paar führte.

von Danny Marques Marcalo

Im November 1968 ohrfeigte Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger öffentlich, beschimpfte ihn als Nazi: Das war sicherlich die medienwirksamste Aktion der Aktivistivin. Später kämpfte sie mit ihrem Mann Serge unter anderem unermüdlich dafür, dass der Kriegsverbrecher Klaus Barbie zur Rechenschaft gezogen wird. Nun ist über die beiden eine bemerkenswerter Graphic Novel erschienen - die natürlich mit der berühmten Ohrfeige beginnt.

Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger

Es ist der 7. November 1968: In Berlin läuft der CDU-Parteitag. Bundeskanzler Kiesinger sitzt auf dem Podium, da schleicht sich eine zierliche Frau vorbei. Kurzer Bob, kurzer Rock, rotes Hemd. Und dann dreht sie sich zum Kanzler. Eine Ohrfeige für den Mann, der früher in der NSDAP war. Wenn man so will, beginnt die Ohrfeige über Beate und Serge Klarsfeld mit einem Knall. Gezeichnet in warmen, rötlichen Farben, als wenn so ein Parteitag die Hölle wäre und Kiesinger aus Sicht von Klarsfeld der Teufel.

Der Bundeskanzler ist wenig amüsiert, wenn man sich die Pressekonferenz danach anhört: "Was sie hier getrieben hat und was sie sonst treibt, sie hat ja auch mal im Bundestag schon eine Lärmszene veranstaltet", sagt er. "Das steht vielmehr in Verbindung mit jenen Radaugruppen, die wir im letzten Jahr in Deutschland an unseren Universitätsstätten und sonst wo erlebt haben."

1968 brodelt es in Deutschland

In Deutschland und anderswo, vor allem aber in Beate Klarsfeld brodelt es zu der Zeit. Sie ist 28 Jahre alt und entsetzt darüber, dass Nazi-Funktionäre in Deutschland wieder Macht haben. In Paris hat sie Serge kennengelernt. Sein Vater wurde von den Deutschen ermordet. Das erzählt er ihr in Schwarz-Weiß. Der Moment ist kühl und traurig.

Meinen Vater haben sie nach Drancy gebracht. Dann ist er (…) nach Auschwitz abtransportiert worden. (…) Er wurde zu den härtesten Arbeiten gezwungen. Und ist schließlich daran gestorben. Leseprobe

Es ist ein unheimlich emotionales Buch. Die Klarsfelds werden zu Aktivisten, aber sie bezahlen einen Preis dafür. Es gibt Drohanrufe. Sie sind oft voneinander getrennt. Der Zeichenstil erinnert an Tim und Struppi. Es ist sehr realistisch, es gibt aber auch Knubbelnasen und sehr ausdruckstarke Tiere. Beate Klarsfeld hat ihre Katzen und Hunde immer sehr geliebt.

"Schlächter von Lyon": Jagd auf Klaus Barbie

Der größte Teil der Graphic Novel befasst sich mit der Jagd auf Klaus Barbie. Der "Schlächter von Lyon", verantwortlich für unzählige Morde, auch am Helden der Resistance, Jean Moulin. Sie finden ihn in Bolivien. "Wir haben uns vor seinem Haus angekettet und die Auslieferung gefordert. Wir haben ihn überwachen lassen. Wir haben nie aufgegeben, wir wussten, ganz genau, was er tat. Wir haben sogar versucht ihn zu entführen", sagte Beate Klarsfeld dazu.

Eine Graphic Novel über die Jagd auf Nazis

All das erzählt die Graphic Novel. Es ist wie ein aufregender Spionagefilm. Die Klarsfelds gehen den Behörden in Europa und Südamerika so lange auf die Nerven, bis Barbie schließlich nach Frankreich ausgeliefert und dort verhaftet wird. Die Klarsfelds kämpfen gegen das Arrangieren mit der Vergangenheit. Im eindrücklichsten Bild des Buches steht Serge im Gerichtssaal. Er vertritt französische Opfer als Anwalt. Über ihm schweben die Toten als Geister, in KZ-Uniform. Das geht einem sehr nah: "Wir haben die Schlacht gewonnen, aber der Kampf für Gerechtigkeit geht weiter."

Serge und Beate Klarsfeld: In Israel gelten sie als Helden

Beate und Serge Klarsfeld leben noch, sie ist 82, er 85 Jahre alt. In Frankreich, in Israel, in den USA gelten sie als Helden. In Deutschland hat man lange mit Ihnen gefremdelt, vor allem mit Beate, der Kanzlerschlägerin. Die Graphic Novel ist eine wunderbare Würdigung für zwei großartige Leben.

Weitere Informationen
Beate Klarsfeld, Serge Klarsfeld : "Erinnerungen" (Buchcover) © Piper Verlag

Die Erinnerungen der "Ohrfeigen-Beate"

Am Anfang stand eine Ohrfeige: Ihr Angriff auf Kanzler Kiesinger machte Beate Klarsfeld berühmt. Mit ihrem Mann Serge spürte sie später NS-Kriegsverbrecher auf. Nun erscheinen ihre Erinnerungen. mehr

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Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazi-Jäger

von Bresson Paul, Sylvain Dorange
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Carlsen
Bestellnummer:
978-3-551-79347-8
Preis:
28 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 05.05.2021 | 09:55 Uhr

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